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"Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, die die Welt nie angeschaut haben." – A. v. Humboldt

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Früh in den Dschungel … (6.8.2014)

Posted on August 6, 2014Juni 3, 2026 by hobbit

Um sechs starten wir mit einem Frühstück. Mir ist das zu früh. Außerdem werden die Schmerzen im Arm langsam unerträglich, was meinen Appetit nicht gerade steigert. Das Anziehen eines langen Hemdes wird zur Qual. Und doch merkt mir keiner was an, zumal mich ja wohl ein Teil für, in Liz‘ Worten, eine ‚drama queen‘ hält. Sicher, ich mache gerne Gesichter oder spiele, aber ich spiele mich nicht in den Vordergrund. Und hier geht das wegen meiner Sprachprobleme eh nie. Ich spreche Eli auf meinen Arm an und daß ich wohl mal wieder einen Arzt brauchen würde. Er hat nix bemerkt und will mich am liebsten auf Quito vertrösten, weil in Lima keine Zeit bleibe. Wir würden morgen nochmal darüber sprechen. Er nimmt es nicht wirklich ernst.

Um halb sieben brechen wir zu unserer Dschungelwanderung auf. Dazu fahren wir erstmal den Tambonata hinauf/hinunter (?), legen an einer etwas ramponierten Uferstelle an und klettern ans Ufer. Wir gehen nur ein kurzes Stück zusammen, dann wird unsere Gruppe getrennt. Ich „klebe“ an Elier. Der lustige local guide, Elvis, übernimmt unsere Gruppe, zu der noch Marian, Neill, Liz, Megan, Bailey und Esther gehören. Elvis zeigt uns ganz viele Pflanzen, einige Insekten, lockt eine Tarantel aus ihrem Loch und stellt aus einer Pflanze eine Farbe her, die gleichzeitig insektenabweisend ist. Mit dieser Farbe verziert er fast alle Gesichter, nach kurzem Zögern meinerseits und Zureden durch Eli auch meines. Der Farbstoff wird nach einer Weile kräftiger. Später können wir feststellen, daß die andere Gruppe das Gleiche erlebt hat, aber bei uns waren bis auf ein Gesicht (Marian) alle angemalt. Ich gehe immer fast hinten – letzter ist stets Eli – , um alles genau sehen und hören zu können. Ich hätte gern mehr Zeit. Letztlich gelangen wir an einen stehenden Teich/See, der irgendwann in den nächsten Jahrzehnten austrocknen wird. Aber jetzt ist er noch bewohnt und zwar von Fischen, insbesondere Piranhas, und Vögeln. Theoretisch kann sich auch mal eine Anaconda hierher verirren, aber sie ist ja glücklicherweise sehr selten. Wir besetzen ein floßähnliches Boot und die guides respektive Eli, der anscheinend Bock darauf hat, paddeln uns am Rand des Sees entlang. Wir sehen Vögel, die fast nicht fliegen können, einen Kaiman, den ich nicht erkennen kann, und Fledermäuse, die an einem toten Ast über dem Wasser hängen.

Auf der anderen Seite des Sees legen wir an, um nun besonders große und somit alte Bäume aufzusuchen. Der Weg dorthin ist ein kaum erkennbarer Pfad. Wer den Anschluß verliert, sitzt in der Wildnis fest. Also besser mal nicht trödeln… Die Bäume sind fantastisch, nicht nur die großen. Manche strangulieren andere Bäume mit ihren Wurzeln, andere Wurzeln sehen aus wie hängende Phalloi, andere haben Dornen auf ihren Wurzeln, viele lassen ihre Wurzeln nur so herabhängen und bilden dann irgendwann um die einzelnen Wurzeln eine gemeinsame Rinde, alle sind Oberflächenwurzler und deswegen sturmanfällig. Die wirklich großen Bäume, die wir nun sehen, sind ca. 300 und 400 Jahre alt. Genau läßt sich das nicht sagen, weil sie wegen des Fehlens der Jahreszeiten keine Baumringe haben. Auf jeden Fall sind sie riesig in Höhe und Umfang. Der eine ist innen hohl, so daß wir versuchen, alle hineinzupassen. Weil einige etwas in ihm hochklettern, gelingt dies auch. Vor dem Baum gibt es eine Wurzel im Umfang einer Kletterstange. Nachdem dort ein Brite hochgeklettert ist und die guides nach einem Freiwilligen bei uns suchen, kann ich trotz meiner Schmerzen im Arm nicht widerstehen. Letztlich ist das eine Frage der Technik, vor allem der Füße. Und dennoch, ich hätte es nicht tun sollen: Erstens konnte ich meinen Arm nur noch gebeugt einsetzen, was aber technisch geht, und schmerzhaft war es natürlich, zweitens musste ich mir von Eli den Kommentar gefallen lassen, daß er kein Problem mit meinem Arm sehe. (Andere werden das Gleiche gedacht haben.) Aber, zum Henker, ich bin hart erzogen worden und ich weiche nicht den Schmerzen und heule eben eigentlich auch nicht deswegen rum. Weil man mir nichts ansieht, heißt das wohl für die anderen, ich wolle mich wichtig machen. Jedenfalls ist die Kletterpartie nach hinten losgegangen, zumal keiner meine Probleme am Anfang gesehen hat oder erkannt hat, daß ich nur wegen des schwachen rechten Arms nicht so hoch geklettert bin wie der andere. Für mich wäre das im Normalzustand kein Problem gewesen. Nur sowas kann ja keiner sehen/wissen.

Wir gehen danach zu einem zweiten Riesenbaum und dort gibt es wieder ein Gruppenfoto. Eigentlich sind die ja eine gute Sache, aber ich mag eben nicht auf Kommando irgendeinen Blödsinn sagen. Also bekomme ich zu hören, ich solle mal hinschauen – was ich getan habe, aber eben etwas vorbei, was für mich normal ist – , und werde auch noch von Katie angeschubst. Da reagiere ich eher geladen, da sie mich am kaputten Arm erwischt hat und ich so angefasst zu werden überhaupt nicht leiden kann. Spätestens jetzt kann mich die Hälfte der Gruppe in ihrer Schubladendenkartei nicht mehr leiden und würde auf meine Anwesenheit bei Gruppenfotos gern verzichten….

Wir kehren dann auf demselben, ha, wenn es denn derselbe Weg gewesen wäre, zurück. Ich trotte nun wirklich nur noch hinterher und verfluche mich wegen der Kletterpartie, weil sie nur Schaden angerichtet hat – wer will schon gern als Hypochonder oder Lügner dastehen? Vor allem bei Elier ist mir das nicht egal, weil ich ihn sympathisch finde. – Tja und während ich so dahin trotte, haben wir, die letzten, den richtigen Abzweig verpasst. Doch die anderen sehen den ‚wahren‘ Pfad und wir schlagen uns ein kurzes Stück durch den Dschungel. Kurz darauf erreichen auch wir das Seeufer, wo uns Eli noch einen Fisch zeigt, der 100 (?) Volt Stromstöße versetzen kann. Wieder draußen auf dem See füttern wir die Fische mit Salzcrackern, was die Piranhas anlockt. Mit großer Mühe erkenne ich irgendwann auch mal einen, vor allem weil mir der eine guide nachdrücklich dabei hilft. Wenn man nicht so richtig weiß, wonach man schauen soll, ist es verdammt schwierig, in dem Gewimmel überhaupt etwas Bestimmtes auszumachen. Außerdem konzentriere ich mich immer auf das Futter, weil es das ist, was ich im Blick halten kann. Das ganze Bild geht einfach nicht. Wenn der größere Fisch, den ich im Gewimmel ausmachen kann, wirklich ein Piranha ist, so habe ich einen gesehen!

Schmetterlinge gibt es hier auch viele verschiedene. Einige scheinen auf das Salz beim Schwitzen ganz scharf zu sein, jedenfalls hat Eli einen Dauergast auf seiner Mütze, manchmal sogar auf seinem Arm. Auch bei anderen landet ab und zu ein Falter. Deren Farbenpracht ist wunderschön. Nach der Landung kehren wir wieder die etwa zwei km lange Strecke durch den Dschungel zurück. Ich bleibe hinten – nur Eli im Rücken -, um zu lauschen. Die Geräusche im Dschungel sind so mannigfaltig und ungewohnt, daß ich mich am liebsten hinsetzen würde, um sie mir lange anzuhören und dabei erklären zu lassen. Immerhin, ein Geräusch lerne ich schnell: das Schreien der howling monkeys, das dem Brummen von Flugzeugen ähnlich ist. Eli genießt den Spaziergang wohl auch, er sagt immer, daß er den Dschungel liebt – und das, obwohl er auf Insekten allergisch reagiert. Aber um ihn nicht zu bremsen oder zu stressen, versuche ich, mich nicht zu weit zurückfallen zu lassen. Schade, daß er nicht erkennen kann, wie sehr ich langsam meine Furcht vor dem Dschungel verliere und wie sehr ich diese Umwelt genieße. Diese Grüntöne und die Bäume!

Irgendwann kommen wir wieder bei unserem Motorboot an und kehren zur Lodge zurück, wo es schon bald, nämlich gegen eins, Mittagessen gibt. Am Nachmittag ist Freizeit oder ‚optional activities‘ angesetzt. Zuerst zeigt uns der andere guide aber noch, wie man eine bestimmte Frucht, die Nüsse mit hohem Ölanteil enthält, mit der Machete öffnet. Er lässt das andere versuchen, aber es ist sehr mühsam. Die Nüsse kosten wir auch. Durch den Geruch angelockt kommen aus dem „Gebüsch“ einige scheue Agutis angelaufen und suchen nach Nussresten. Auch nachdem die anderen gegangen sind, beobachte ich sie noch weiter. Es kommen sogar noch mehr von ihnen und auch ein Eichhörnchen springt herbei. In den Palmen sehe ich Papageien, wie sie in ihre Nester hineinfliegen und wieder heraus. Es ist der Dschungel direkt vor meinen Augen…

Da ich keine Lust auf die Extras habe – Baden in einem Wasserloch, Besuch einer Farm – und ich a) keinen durch meine Anwesenheit stören will und b) auch meine Ruhe haben will, stromere ich etwas herum. Dabei finde ich Eis vor der Küche und kühle meinen Arm. Superidee! Danach setze ich mich vor der Bar an einen Tisch und spiele Jenga mit mir allein. Dabei lausche ich der Musik, die Eli und Luis/Lucho, der guide der anderen, parallel reisenden Gruppe und Kumpel von Eli, aus ihren Tablets strömen lassen. In mir öffnet sich was, weil es die Beatles sind. Ein paar von uns sitzen auch da und spielen Karten (Esther, Cheryl und Bailey) und es stellt sich heraus, daß Esther tatsächlich die Beatles nicht kennt! Unglaublich! Von da ab hören wir „zusammen“ Musik und ich setze mich den guides gegenüber, um besser hören zu können. Die beiden haben inzwischen allerdings schon ganz schön gebechert und Eli ist betrunken. Das erklärt ein wenig, wieso es so spaßig werden konnte. Bailey fängt (wieder) an, Eli mit einem Cabybara zu vergleichen. Eli lässt sich auf die Neckerei ein, Lucho hakt nach. So gibt ein Wort das andere und es wird sehr lustig. Inzwischen folgen auch Jasmin und Luzius, die eigentlich lesen wollten, dem Ganzen. Und dann Elis Auftritt: Er holt aus dem Speiseraum das dort für tippings stehende Cabybara, um zu zeigen, daß er nun aber gar keine Ähnlichkeit mit diesem habe. Er stellt es auf einem Barhocker ab und hockt sich mit einem drolligen Gesicht davor hin. Das ist zum Schreien komisch und wir machen Bilder. Eli ist einfach ein toller Schauspieler, selbst wenn das Angetrunkensein vielleicht geholfen hat, sich so zu geben. Aber eigentlich denke ich das nicht. Er spielt einfach zu regelmäßig eine Rolle, auch ohne Alk ist er ein actor, was auch zu seinem Charme gehört. Das Ganze endet dann fast tragisch-komisch, weil Eli das Cabybara beim Zurücktragen fallen läßt und selbst dabei über eine Stufe fällt. Da höre ich auf zu lachen, weil das offensichtlich nicht geplant war und er sich wirklich wehgetan hat. Natürlich wird das heruntergespielt! Als kurz darauf neue Leute zur Lodge kommen, begrüßt Eli sie manchmal mit „buon dia, I’m a Cabybara/ have you ever seen a Cabybara like me“ oder so ähnlich. Nicht, daß die das mitbekommen, aber wir lachen natürlich. Gegen fünf verschwindet Eli zum Fußball, trotz seiner Betrunkenheit. – Raubbau an seinem Körper betreibt er reichlich, was auch die Tabletten (wofür auch immer) belegen, die er immer mal wieder schluckt – Ich setze mich zu Lucho und unterhalte mich mit ihm, er ist so ein väterlicher Typ, was sowohl mit seinem Alter, 48, als auch mit seinem Familienstand, grandpa, zusammenhängen kann. Er hat mich schon in Ollantaytambo genauer beobachtet, wie sich herausstellt. Immer wenn wir uns seitdem begegnet sind, hat er ein paar nette Worte für mich gehabt, mehr als Elier. Er erzählt mir von Teilen seiner Vergangenheit – auch er ist angetrunken, aber er verträgt Alk deutlich besser – und wir sprechen auch über mich. Ich denke, er hat mich gut beobachtet. Er beschreibt mich als „brave“ und eben nicht als ein Schiff, das sich vom Strom treiben lässt, wie viele sind, sondern als jemanden, der auch gegen die Strömung schwimmt. Lucho scheint schon viel gesehen zu haben – u.a. war er in den 90iger Jahren fast zehn Jahre lang bei einer Antiterroreinheit im Dschungel tätig (sendero luminoso und andere Terroristen in Peru mussten damals hart bekämpft werden) – , er hat gelernt, zu beobachten. Und was ich toll finde, ist, dass er so stolz auf sich ist, weil er etwas in seinem Land verändert hat bzw. dazu beitragen konnte. Aber auch seine Liebe zur Musik ist klasse. Mit ihm habe ich überhaupt keine Probleme zu sprechen, weil er es mir eben auch leicht macht. Er nimmt mich sogar in den Kreis der guides auf, indem er mich zu einem Schluck aus seiner Flasche einlädt und den Handshake der guides mit mir macht. Er hat mich akzeptiert und mich eingeladen, dazuzugehören. Dafür bin ich ihm dankbar. 

Kurz vor dem Dunkelwerden, gegen sechs, gehe ich beim Fußball vorbei und schaue noch etwas zu. Ich hätte ja auch gern gespielt, aber mit den Männern wäre das nix geworden, da hätte ich wirklich gestört. Außerdem muss ich feststellen, dass ich inzwischen auch wegen der Schmerzen im Arm nicht mehr rennen kann. Nun ja, das Spiel ist eh aus und bald gibt es die cena, zu der Eli nicht erscheint. 🙂 Da hat wohl der Schlaf gesiegt. Gegen acht fahren wir nochmal mit dem Boot raus und suchen nach Kaimanen. Wir finden einige, an einer Stelle sogar sehr viele junge Kaimane, doch anscheinend ohne Eltern. Damit ist ihre Überlebenschance begrenzt. Am Ende des Ausfluges gibt es Zeit zum auf dem Fluß Treiben, schweigend, ohne Licht. Die Sterne, das Kreuz des Südens und andere, sind wunderbar zu sehen, auch wenn der fast volle Mond sie etwas schwach leuchten läßt. Ich werde aus verschiedenen Gründen traurig und trübselig, gleichzeitig tut mir der Arm schon nur im kalten Windhauch weh. Ich fasse den Entschluss, Michael um eine Tramal zu bitten. Die zweimal 800er eingeworfenen Ibuprofen haben gar nicht geholfen. Er gibt mir die Tablette, warnt mich aber, weil sie so krass seien, habe der Arzt gesagt, er habe sie ja noch nie genommen. Na da kann ich ihn beruhigen, ich kenne sie gut. Ich schaue den anderen beim Jenga zu, mitspielen will ich nicht, da ich nicht mit jedem spielen kann und will. Aber ich freue mich für Michi und Evi, wenn sie wieder eine Runde weiter sind. Danach stottere ich Liz gegenüber zusammen, daß ich mich draußen hinsetzen würde, damit sie nicht denkt, ich wäre schon im Bett und sie zweimal wegen des Schlüssels gehen muß. Sie macht sich nicht wirklich die Mühe, mich zu verstehen. Ich meine, es war mies, aber ich war so schmerzerfüllt und müde, da ging das nicht anders, zumal wenn ich den Eindruck habe, daß ich eh nur lästig bin. Tja, ich bin dann einfach rausgegangen und habe sehr lange vor der Bar gesessen. Eigentlich wollte ich nicht mal mehr in das Doppelzimmer, das ich mit Liz zu teilen hatte, und so saß ich da sehr lange auf der dunklen Seite. Eli, Lucho und ein dritter haben dort auch wieder gehockt und Bier gepichelt, auf der hellen Seite, sie haben mich nicht gesehen. Irgendwelche Australierinnen saßen ihnen gegenüber und so gab es einen langen Smalltalk und einen Gratisgang für die Frauen in den Dschungel, jedenfalls waren alle eine Zeit lang weg, während ich die wohlige Wirkung der Tablette spürte, nur nicht im Arm. Erst nachdem alle im Bett verschwunden waren, schlich ich mich auch ins Bett. Ganz unbemerkt ging das leider nicht, weil die Eingangstür so laut über den Boden schliff. Auf das Mosquitonetz habe ich verzichtet…

Ab in den Dschungel … (5.8.2014)
Das FINALE!!! (7.8.2014)
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