Gerade sitze ich auf einem Boot, das uns alle zur Taquile Insel bringt. Dort werden wir den nächsten Tag bei einer einheimischen Ayamara-Familie verbringen. Mit ihnen essen und arbeiten, mit den Kindern vielleicht spielen. Heute morgen sind wir mal ganz anders vom Hotel aufgebrochen: mit einer Art Fahrradrikscha. Die kurze Fahrt zum Hafen war echt cool, besonders weil unser Fahrer sogar von fast ganz hinten nach ganz vorn vorgefahren ist. Das Überholen war superwitzig! Am Hafen von Puno haben wir erstmal basic stuff für die Gastfamilien gekauft, z.B. Öl, Zucker, Reis, Toilettenpapier oder kleine Spielsachen für die Kinder wie Murmeln oder Zeichenpapier und Stifte. Auf keinen Fall dürfen Süßigkeiten dabei sein, weil die Menschen dort keine Zahnversorgung haben/kennen.
Sodann brachen wir mit unserem neuen local guide, Alejandro, zu den floating islands der Uros auf. Deren Schilfinseln treiben auf dem Titicacasee und werden etwa alle 25 Jahre rundum erneuert. Die Bauweise und der Lebensstil sind einzigartig in der Welt. Die Uros sind sehr freundlich und leben inzwischen in einer Gemeinschaft, die meisten jedenfalls, die vom Tourismus lebt. Sie zeigen, wie sie ihre Inseln bauen, wie sie in den Hütten leben, und verkaufen handgefertigte Souvenirs. Sie sprechen Ayamara und meist auch Spanisch, einige wenige sogar ein paar Brocken Englisch. Zum Abschied – wir sind mit ihrem Boot zu einer der Hauptinseln gerudert worden und hehe, ich habe mich auch mal am Rudern versucht – haben sie fröhlich gesungen und gewunken. Ok, es ist touristisch, aber doch auch irgendwie noch authentisch. Ganz krass finde ich es ja, dass sie selbst jetzt im Winter ohne Schuhe herumlaufen und nur eher leichte Bekleidung tragen, nur mal einen Pullover und eine Jacke, nur eine Jogginghose. Inzwischen haben sie sogar etwas Strom, weil es bei ihnen Sonnenkollektoren gibt, ein Geschenk des ehemaligen Präsidenten Perus, Fujimora. Ach und auf der Hauptinsel habe ich mir einen netten Erinnerungsstempel in meinen Pass geben lassen.








Wir nähern uns langsam aber sicher der Insel. Bevor wir in die Familien gehen, schauen wir uns noch den zentralen Teil der Insel gemeinsam an, essen mal wieder und sollen zu einem Fußballspiel gegen einheimische Kids antreten. Das wird vielleicht ein Lacher werden: Wir werden schon nach zwei bis drei Minuten vollkommen außer Atem sein, da keiner von uns an die Höhe gewöhnt ist. Ich will unbedingt mitspielen, auch wenn ich kaum von Nutzen sein werde, weil ich mich noch weniger als die anderen bewegen kann. Das Asthma läßt grüßen! We will see …
Inzwischen ist schon alles wieder Vergangenheit. Auf Taquile stand erstmal ein ernsthafter Test meiner Lunge an. Diesmal habe ich das Spray vorher sogar zweimal benutzt und kam tatsächlich ohne dieselben Schmerzen vom Tag zuvor den langen Anstieg hinauf. Genau genommen hatte ich nicht mehr Probleme als andere, war sogar etwas schneller/weniger ko oben und brauchte kaum Zeit zur Erholung. Außerdem habe ich einen eigenen, sehr prustenden Atemrhythmus gefunden, für den ich allerdings etwas mehr Wasser brauchen werde. Ich habe Eli gefragt, was er nun denkt, und er meinte, ich könne den Trek schaffen. Auf dem Hauptplatz von Taquile gab es gerade eine Folkloreaufführung, der wir kurz folgten, um dann zum Essen zu schreiten. Auf der Terrasse des Restaurants hatten wir einen fantastischen Ausblick auf den Titicacasee und die schneebedeckten Berge Boliviens. Nach dem Essen folgten einige Erklärungen zur Tracht durch Alejandro, der mir zunehmend unsympathischer wurde. Ein Kerl, der sich selbst für übertoll hält, dabei aber ganz mieses Englisch spricht und sich ständig in den Vordergrund spielt. Ich schaltete mit der Zeit ab, weil er es einfach nicht gut machte. Danach überquerten wir die Insel und stiegen eine Monstertreppe zum Boot hinunter, das uns dann zu unserer homestay-Unterkunft auf der gegenüberliegenden Halbinsel bringen sollte. Dort angekommen wurden wir von unseren „Familien“ in Trachtenkleidung und mit Musik begrüßt und stiegen erstmal zum Fußballplatz hinauf. Mir ging es immer noch gut, weswegen ich nach der Familienzuteilung – zusammen mit Liz zu Stefania – sofort in die erste Mannschaft einstieg. Und weil es kein anderer machen wollte und ich vllt. ja auch auf mein Asthma Rücksicht nehmen sollte, ging ich ins Tor. Selbst da machte mir das Asthma etwas zu schaffen, da ich ziemlich viel zu tun bekam, sehr konzentriert sein mußte und die Verteidigung etwas organisieren mußte. Und ja, ich war gut. Sogar so gut, daß ich Szenenapplaus und danach ein großes Lob von Eli bekam. Denn dank mir ist das Spiel doch viel knapper ausgegangen als sonst: 3:4. Aber wir waren einfach läuferisch und technisch unterlegen. Außerdem wurde mir beim Spiel dieser Alejandro erst so richtig unsympathisch, weil er mich wohl für unfähig, wie auch die anderen außer Eli, und sich selbst für einen „göttlichen“ Spieler hielt. Er hatte nur den Vorteil, hier geboren zu sein, weswegen ihn die Höhenluft nicht erschöpfte. Aber Schweigen sei über ihn gebreitet und ich genieße meinen Erfolg, weil ich gern auch mal nicht nur als komisch oder so, sondern als cool gelte. 🙂


















Als es dunkel wurde, kleideten uns unsere Mütter und Väter, je nachdem, bei wem man war, in die übliche Tracht, was ich schlichtweg ablehnte, weil ich nicht mal als Kostüm so etwas anziehen wollte. Es folgte eine Tanzvorführung, an die sich die Aufforderung anschloß, daß nun alle zusammen tanzen sollten. Ohne Tracht war ich fein raus und übernahm die Rolle des Fotographen. Längst war die Sonne untergegangen und es wurde immer kälter.
Aber dann endlich gingen wir zu unseren Häusern, durch so dunkle Nacht, daß wir die Milchstraße und unglaublich viele Sterne sehen konnten. Liz und ich hatten es nicht so weit bergauf wie andere, weil Eli meinetwegen darum gebeten hatte, wie er mir gesagt hat. Stefania brachte uns zuerst in unser Haus mit zwei Betten und vielen Decken darin, wo wir uns ein wenig unterhielten. Endlich waren meine Spanischbrocken mal zu etwas Nutze! Ich bin wirklich der Einzige hier in der Gruppe, der wenigstens etwas Spanisch Radebrechen kann. Nach dem Smalltalk gingen wir in die Küche – vorsichtig, extrem niedrige Tür – und aßen zu Abend. Vegetarisch, weil die dort lebenden Aymara eh immer vegetarisch essen, allerdings weniger aus Überzeugung als vielmehr aus Armut, wie ich durch Nachfragen herausfand. Natürlich lernten wir auch noch den Rest der Familie, die in dieser Küche ißt, kennen: Vater Francisco, Mutter Teresa, Schwester Ilda, die Köchin. Es gab Suppe und dann Reis mit Gemüse. Während des Essens bedankten sich unsere Gastgeber immer wieder für die Mitbringsel und unsere Anwesenheit überhaupt. Sie haben eigentlich gar nichts, auch keine Träume oder eine Zukunft, z.B. hatten Liz und ich den Eindruck, daß Stefania traurig ist, daß sie nicht verheiratet ist und wohl auch nie mit ihren 25 Jahren noch heiraten wird. Aber das muß eben hingenommen werden.
Nach dem Essen wurde abgewaschen, wir trockneten ab – kaltgespültes Geschirr. Anschließend gingen wir in unser Haus, Stefania zeigte uns noch kurz ihre Häkelarbeiten und dann verkrochen wir uns unter einem derartig großen Haufen Decken, daß wir auch darunter hätten ersticken können. Bewegen war jedenfalls nicht so richtig möglich. Es war noch nicht mal neun und dennoch schliefen wir schnell ein. Was hätte man aber sonst auch machen sollen?
