Nun ja, wer mich kennt, weiß, daß ich gern meinen eigenen Weg gehe. So wollte ich auch von Hanga Roa bis nach Anakena (Strand), i.e. vom Südwesten der Insel nach Norden und Osten um den größten Hügel herum, wandern. Diese Route gilt als landschaftlich schön, wird entsprechend in Reiseführern angepriesen und stellt aufgrund ihrer Länge durchaus eine Herausforderung dar. Aber – es heißt hier, man dürfe sie nur mit einem Guide gehen, da sie so gefährlich sei. Mir kommt das seltsam vor, da man sich weder verlaufen noch abstürzen kann, wenn man sich entsprechend verhält. Das riecht nach Geldschneiderei, da ein Guide mind. 100 Dollar pro Tour und Person verlangt (bei mind. zwei Personen).
Aus eins mach‘ zwei
Beim Frühstück sitzt mir der neue Deutsche gegenüber. Er überlegt, wo er lang laufen könne. Ich rate ihm von der Südroute ab. Da er wegen der Route überlegt, die ich ohnehin gehen will, biete ich ihm an, daß wir zusammen gehen können. Er sieht deutlich jünger aus, als er ist, und wirkt fit. Dankbar nimmt er das Angebot an, woraus sich ein zweitägiges Gespann entwickeln sollte. Ich spiele den Guide und kümmere mich, während er geduldig zuhört und tapfer durchhält. Und so starten wir gemeinsam diese Tour, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob wir durchkommen. Ich befürchte nämlich Aufpasser, die den Zugang zu dieser Route verhindern.
An der Westküste entlang
Zuerst besorgen wir uns jeder noch Wasser, dann geht es zum Nordrand von Hanga Roa, wo wir uns Tahai anschauen, ein Moai, dem man die Augen wieder eingesetzt hat. Von da aus geht es immer weiter nach Norden. Zuerst folgen wir der noch vorhandenen Straße, dann weichen wir ins Gelände aus. Von nun an folgt eine Bodenwelle der anderen. Das Gras ist teilweise kniehoch, der Boden mit Vulkangestein in allen Größen übersät. Links fällt die Klippe ab. Manchmal hören wir die schlagenden Wellen und sehen die Gischt aufschäumen. Es gibt fast keinen Schatten mehr. Ab und zu sehen wir „Wildpferde“ oder Rinder resp. Kühe. Das Gelände zwingt uns immer wieder von Neuem zu Slalomläufen, doch mein Wanderpartner hält sich sehr gut. Wenn ich in dem Alter noch so durch die Gegend stapfen kann, dann schätze ich mich glücklich.



Und vielleicht ist das da vorn die Inselspitze?
Während wir uns so durch das Gelände kämpfen, sehen wir in kurzen Abständen ehemalige Ahus und gelegentlich Überreste von Moais. Doch meist sind nur noch große Ansammlungen von Vulkansteinen zu erkennen. Da ich inzwischen ahne, daß die Route doch länger als erwartet sein wird, rationiere ich mein Wasser. Aber das ist bei der Sonneneinstrahlung gar nicht so leicht, auch wenn nahezu durchgehend ein leichter Wind weht, der die Temperatur angenehm erscheinen läßt.
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Wir sind vielleicht vier bis fünf Stunden unterwegs und langsam schnauft mein Begleiter ganz schön, so daß ich zunehmend mehr auf Pausen und seine Schrittfrequenz achte. Er läuft für dieses Gelände fast immer zu schnell, was zu einer schnelleren Ermüdung führen muß. Mir geht es noch ganz gut, doch schon im Interesse meines Begleiters würde ich auch gern mal das nördliche Ende der Insel erreichen.
Endlich die Sonne im Rücken
Am späteren Nachmittag spüren wir endlich die Sonne im Rücken. Wir laufen also Richtung Osten. Nun kann es doch gar nicht mehr so weit sein! Inzwischen dürste auch ich, schon allein deswegen, weil ich sparsam mit dem Wasser umgehe. Wir durchqueren quasi Niemandsland, da hier außer Raubvögeln kein Lebewesen zuhause zu sein scheint. Einmal passieren wir eine verlassene Farm, doch dann begleiten uns wieder nur die Rufe der Chimangos. Der Vulkan liegt nun steil zu unserer Rechten, manchmal finden wir unter einem Baum etwas Schatten. Da mein Wanderpartner inzwischen ziemlich fertig ist und auch kein Wasser mehr hat, müssen wir immer häufiger kleine Pausen einlegen. Aber er ist echt hartgesotten, daher mache ich mir keine Gedanken, daß er es nicht schaffen könnte. Er weiß so gut wie ich, daß wir keine Wahl haben.
Die Zeit läuft gegen uns
Immerhin müssen wir nicht mehr so viel auf und ab steigen. Auch der Untergrund läßt sich manchmal etwas besser gehen, weil Grasstrecken darunter sind. Aber die Ermüdung greift um sich. Wir rutschen oder stolpern beide gelegentlich, doch jetzt zeigt sich der Altersunterschied. Ich bin insgesamt fitter und kann auf das Gestolpere besser reagieren. Doch trotz seiner Erschöpfung muß ich drängeln, da wir am Strand ankommen müssen, bevor die Leute verschwinden oder gar die Dunkelheit hereinbricht. Sonst sitzen wir dort fest, 15-20 km von Hanga Roa entfernt. Es ist schon nach fünf und immer noch kein Strand in Sicht!




Heureka!
Endlich sehe ich nach der gefühlt hundertsten Erhebung einen Sandzipfel am Horizont. Nun haben wir endlich unser Ziel vor Augen, was motivierend wirkt. Und wir malen uns beide eiskalte Getränke aus, denn an einem Strand muß es einfach eine Bar oder einen Kiosk geben. Es MUSS! Aber auch dieses letzte Stück der Strecke zieht sich, bis wir endlich die Bucht des Strandes erreichen. Panik! Hier steht kein Gebäude, also auch nichts zu trinken! – Da bleibt er ganz cool und meint, wir könnten ein Stück der Bucht ja gerade noch nicht einsehen. Da stünde bestimmt etwas. Er sollte recht behalten. Als wir bei den Hütten im Südseestyle ankommen, bekomme ich nur noch knapp unser Verlangen nach Wasser heraus. So schnell ist schon lange kein halber Liter mehr in meinem Magen verschwunden. Man hätte annehmen können, es sei wie Alkohol in der offenen Flasche einfach verdunstet. Danach ist noch ein frischgemixter Bananensaft in meinem Magen verschwunden…



Hitchhiking
Nach dem Besuch der Oase versuchten wir uns im Trampen und hatten gleich bei der ersten Anfrage Glück. So kamen wir dank zwei junger Chilenen problemlos als zusätzliches Gepäck im Fond nach Hanga Roa zurück. Wir hätten keinen einzigen Kilometer mehr laufen wollen/ können. Das Abendbrot bestand aus flüssiger Nahrung bzw. ein wenig Wassermelone. Wir waren ziemlich fertig und verabredeten für den folgenden Tag ein geruhsames Angehen.
