Ursprünglich hatte ich Chiloé gar nicht auf meinem Plan, weil ich dachte, es wäre zu weit weg von meiner Route. Doch nachdem ich in Bariloche jemanden getroffen hatte, der meinte, es gäbe Tagestouren dorthin, wollte ich mir die Insel wenigstens ein wenig ansehen. Sie gilt als besonders schön, abgelegen und freundlich.
Früh auf und davon
Ohne Frühstück – warum sollte man in einem Hotel auch früh Frühstück anbieten – auf zum Office, um dort den Tourbus zu entern. Danach wurden die anderen eingesammelt, überwiegend spanischsprechende Leute plus vier Norweger (zwei eher komische Pärchen) und dann noch ein deutsches Paar in Puerto Montt (ehemalige Lehrer, die gerade rechtzeitig den Absprung geschafft haben und nun reisen). Und wie fuhren weiter zur Fähre, während der Guide Carlos die ersten paar Worte (vollkommen zweisprachig) an uns richtete.
Auf der Fähre: zugig!
Nun ja, eine Überfahrt eben. Es war ziemlich frisch, zumal die Sonne noch nicht ihre Daunendecke abgelegt hatte. Aber Carlos versprach, es würde noch sehr schön werden. Immerhin sah ich einige Seehunde, die im Wasser neben dem Schiff tobten und nach unserer Aufmerksamkeit gierten. Aber schon hieß es wieder ab in den Bus, da die Überfahrt über den Chacao-Kanal nur etwa eine halbe Stunde dauert.
Unsere erste Station: Chacao – länger als geplant
Ein ganz kleines Dorf auf Chiloé, das heute am Sonntag seine Gründungsfeier – der genaue Termin ist eigentlich unbekannt – nach dem Kirchgang begeht. Und wir mittendrin, weil unser Bus leider ausgetauscht werden muß. Also bleiben wir anstelle der eingeplanten halben Stunde über eineinhalb Stunden und beobachten dadurch die Vorbereitungen zur Feier, den Beginn mit dem Flaggenhissen und dem Singen der Nationalhymne und den ersten Redner. Dieser findet partout kein Ende und erzählt allen noch einmal etwas über die bewegte Geschichte der Insel. Doch beim 16.Jh. steige ich aus. So ein Quatsch! Wenn hier jeder etwas genau kennt, dann wohl die eigene Dorfgeschichte. Aber er ist eben wichtig und muß das betonen. Nur schade, daß wir dadurch nicht mehr dazu kommen, die Jugendlichen in ihren Trachten tanzen zu sehen…




Ein neuer Bus rollt nach Ancud
Ancud war lange Zeit die „Hauptstadt“ Chiloés, da es mit seinem Hafen attraktiv war, solange es keinen Panama-Kanal gab. Doch heute lebt es vor allem vom Fischfang und Tourismus, zumal es 1960 von einem Erdbeben mit Tsunami schwer zerstört wurde. Hier halten wir kurz auf dem Hauptplatz, Plaza de Armas. Ich besuche das kostenfreie Museum, das auf Spanisch über die Geschichte Chiloés informiert. Doch viel interessanter sind die auf dem Platz verteilten Steinfiguren, die Abbilder der wichtigsten Figuren aus der hiesigen Mythologie darstellen. Sie sind verdreht, zerknautscht, zwergenhaft oder tierisch, weiblich oder undefinierbar. Keine Frage, ich brauche ein Büchlein zu diesen Mythen, die ein wenig an die nordischen und deutschen Sagen erinnern.
Festung San Antonio – Mauern aus Eiern (nicht nur)
Es folgt ein kurzer Abstecher zur Festung San Antonio, die 1826 endlich mit einem Flaggentrick eingenommen werden konnte, so daß die spanischen Kolonialherren endgültig verschwinden mußten. Doch viel interessanter ist, daß die Mauern aus einem Gemisch angefertigt wurden, in dem Eier wohl als Klebstoff gewirkt haben.
Danach gab es eine Mittagspause, die eigentlich erst in Castro hatte stattfinden sollen. Doch das Busmalheur verschob so ziemlich alles. Während dieser Pause saß ich mit den beiden Deutschen zusammen und wir palaverten über – Schule und was uns daran nicht gefällt. Kleiner Tip: Es sind nicht unbedingt die Lernenden. Aber hauptsächlich ging es um einen Erfahrungsaustausch von Reisenden.
Vamos! A Dalcahue!
Der Name dieses Dörfchens heißt so viel wie „Ort der Dalcan“, die indigene Gruppe hier. Interessant für uns auf der Tour ist er aus zwei Gründen: Hier gibt es einerseits eine sehr alte Kirche (Kathedrale) aus Holz, die zum Weltkulturerbe zählt. Andererseits gibt es zahlreiches Kunsthandwerk. Und wie ich inzwischen aus Erfahrung mit anderen Handwerksmärkten weiß, sind sie dort wirklich originell. Zu schade, daß zu wenig Zeit war, um ausführlich herumzustromern. Doch mein Mythosbüchlein und ein Souvenir konnte ich ergattern. (In der Kirche war ich auch, dichtgedrängter Zeitplan. )




Vamos! Vamos! Vamos! A Castro, la capital de la Isla grande de Chiloé!
Inzwischen ist es schon später Nachmittag, aber wir sind unermüdlich dabei. Das viele Ein- und Aussteigen sowie meine Gespräche mit Carlos lassen keine Müdigkeit aufkommen. Auch in Castro erwartet uns etwas Besonderes, sog. Pfahlbauten (palafitos). Aber es gibt ebenfalls eine prunkvolle (Holz-)Kirche, die zum Welterbe zählt. Diese befindet sich an der Plaza de Armas, dem Hauptplatz, der zu dieser Zeit am Sonntag vor Leben nur so strotzt. Es ist sonnig, warm, lebhaft und ruhig zugleich. Ein Platz zum Beobachten der Menschen, der Begegnung und der Unterhaltung. Straßenkünstler wechseln sich mit ihren Minishows ab, während Verkäufer herumirren. Ich gönne mir ein leckeres Eis (mit Bediennummer) und lasse mich treiben, soweit das in der kurzen Zeit geht. Spätestens hier weiß ich, daß Chiloé wirklich einen Abstecher Wert gewesen wäre. Aber vielleicht ist es so dicht gedrängt auch gut, dann kommt nie Langeweile auf. Auf jeden Fall müssen wir wieder eilen, denn um kurz nach sechs geht es mit dem Bus zurück.




Es rollt, rollt, oh nein Stau!
Auf der Rückfahrt unterhalte ich mich ein wenig weiter mit Carlos, genieße die Aussicht auf das grüne Land und fühle mich angenehm entspannt. Nach knapp zwei Stunden erreichen wir das Ende einer langen Schlange Autos, die alle wieder zurück auf das Festland wollen. Nur eine halbe Stunde später dürfen auch wir auf die Fähre fahren. Wie gut, daß hier unkompliziert die Fähre nach Bedarf und nicht etwa nach Fahrplan fährt. Auf der Überfahrt sehe ich dieses Mal sogar zwei Delphine! Optimale Ausbeute also. Während die Sonne langsam untergeht, erreichen wir das Festland. Ab nach Puerto Montt und dann nach Puerto Varas. Kurz vor halb elf bin ich wieder zurück, erfüllt von einem schönen Tag.
