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"Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, die die Welt nie angeschaut haben." – A. v. Humboldt

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Puerto Varas (10.2. – 14.2.2017)

Posted on Februar 11, 2017Mai 23, 2026 by hobbit
  • Lage: 20 Kilometer nördlich von Puerto Montt, Chile
  • Einwohner: ca. 41.500
  • Gründung: 1854
  • Unterkunft: Hotel Kramm

Puerto Varas liegt am Südufer des Llanquihue-Sees, der mit rund 860 Quadratkilometern der zweitgrößte See Chiles ist. An der nordöstlichen Seeseite liegt der Volcán Osorno mit seinen 2652 Metern Höhe. Das Klima ist relativ beständig: Die durchschnittliche Temperatur beträgt im Sommer etwa 14 °C, im Winter etwa 6 °C. Ab 1846 besiedelten deutsche Einwanderer die Gegend um den See. In der Folge wurde Puerto Varas 1854 gegründet und erhielt 1897 Stadtrechte. Noch heute findet man viele Spuren der deutschen Einwanderer, deren Nachfahren sich im deutschen Verein organisieren. Daher ist Puerto Varas immer noch stark deutsch geprägt, zumal es noch viele historische Gebäude aus der Gründerzeit gibt. Bekannteste Sehenswürdigkeit ist die „deutsche Pfarrkirche“ Sagrado Corazón de Jesús, eine 1915 erbaute Holzkonstruktion mit Wellblechverkleidung.

Puerto Varas – bitte nicht früh aufstehen! (11.2.2017)

Ich bin gewiß kein Frühaufsteher, aber hier geht es doch ziemlich gemütlich zu, z.B. gibt es im Hotel zwischen acht und zehn Frühstück. Wenn man wegen einer Verpflichtung früh weg muß, dann wird wohl selbiges entfallen. Also ließ ich es ebenfalls langsam angehen, da ich zurecht davon ausging, daß es außerhalb des Hotels nicht viel anders aussehen würde.

Einige Erledigungen …

Nach einem ausgiebigen Frühstück begleitet durch das Lesen der BBC-News lief ich zuerst zum Busbahnhof und kaufte das nächste Busticket für Dienstag. Außerdem wollte ich feststellen, wie weit es ist. Die Entfernung ist gering (6min) und dürfte also auch mit meinem ganzen Plunder keiner Rede Wert sein. Danach spazierte ich zum zentralen Platz, Plaza de Armas, da ich – wieder richtig gelegen – davon ausging, daß ich dort Tour-Anbieter finden würde, die willig wären, mir eine Tour zur Insel Chiloe zu verkaufen. Als auch das erledigt war, tauschte ich noch meine letzten argentinischen Pesos um. Naja, günstig ist anders, aber so habe ich wenigstens noch etwas von dem Geld. Dann ging es in den Supermarkt, wo ich förmlich von der großen Auswahl, und zwar einer echten Auswahl, erschlagen wurde. Insbesondere an Obst, Gemüse und Brot gibt es hier so einiges, das in Argentinien unvorstellbar ist.

… und eine neue Bekanntschaft

Als ich an der Kasse stand, hörte ich nebenbei zu, wie eine Frau auf Spanisch erklärte, wie die Satzstellung im Deutschen ist. Sie veranschaulichte dies an einem Beispiel, bei dem sie beim Partizip II ins Stocken geriet. Da half ich ihr grinsend aus und sofort entspann sich ein Gespräch. Sie lebt seit vielen Jahren zusammen mit ihrer Tochter (12. Klasse) in Kühlungsborn. Sie hat in Chile Hebamme gelernt, obwohl man eher studiert sagen muß, da es in Chile ein Studiengang ist. Diesen sowie ihre Berufserfahrung hat sie sich anerkennen lassen und einige mündliche und schriftliche Prüfungen mit sehr großem Erfolg abgeschlossen. Nun arbeitet sie schon seit Jahren als Hebamme in Deutschland. Sie denkt auch nicht, daß sie nach Chile zurückkehren wird, obgleich es sich ihre Familie wünscht. Während wir so reden – in einem quasi Schlagabtausch -, muß ihr Begleiter (kein Deutsch, aber Englisch) das Bezahlen etc. übernehmen. Sie gibt mir ihre deutschen Kontaktdaten und lädt mich zu einem Besuch ein. Aber zuerst wollen wir uns übermorgen um zehn treffen und vielleicht unternehmen wir sogar etwas zusammen.

Mit dem Collectivo nach Frutillar bajo

Nach einer Pause, die ich u.a. auch zum Belegen meiner Brötchen nutzte, lief ich zur Haltestelle der Collectivos und hatte sogar Glück. Es kam kurz darauf ein „Sammeltaxi“, das nach Frutillar alto und bajo fuhr. Allerdings konnte ich nur noch einen Stehplatz erobern. Doch dies hatte auch sein Gutes: Das ständige Festkrallen an der Stange über meinem Kopf und das der Fliehkraft Entgegenwirken hielten mich auf jeden Fall wach. Für diejenigen, die noch nie das Vergnügen mit einem Collectivo hatten, sei folgendes ergänzt: Die Fahrer der Collectivos fahren chronisch zu schnell (durchaus 110km), heizen gern in den Kurven, bremsen sehr kurzfristig und haben auch nichts gegen übervolle Wagen.

Assoziationen

Während der Fahrt vergleiche ich, was ich sehe, mit der Landschaft in Deutschland. Es ist kaum verwunderlich, warum sich deutsche Siedler in diesem Landstrich entwickeln konnten. Draußen riecht es sogar etwas wie Deutschland im Sommer, die Felder sind teilweise abgemäht, es ist grün und fruchtbar. Allerdings sei hier angemerkt, daß die Siedler das Land erst zu dem Land machten, das man heute hier vorfindet. Ursprünglich war die Region dicht bewaldet, feuchter und vor allem menschenleer.

Ein Ausflug in die Geschichte

Nach meiner Ankunft in Frutillar bajo – das liegt direkt am riesigen See Llanquihue, also unten, während Frutillar alto oben nahe der Autobahn liegt und deutlich städtischer ist – stolpere ich gleich zu Beginn über die Freiluft-Ausstellung zur deutschen Besiedlung dieses Gebietes. Hier gibt es eine alte Windmühle, eine Schmiede plus Wohnhaus und ein nahezu hochherrschaftliches Wohnhaus aus der Zeit der Jahrhundertwende anzuschauen. Rundherum ist der Minipark sehr schön bepflanzt und bietet einen Ausblick auf die große Bucht und den (etwas steinigen) Strand von Frutillar bajo.

Da es sich um eine Ausstellung zur deutschen Kolonisation handelt, werden sogar die Hinweise und Erklärungen dreisprachig geboten: Spanisch, Englisch und Deutsch, wobei die beiden letzteren Sprachen genauso viel Platz zusammen einnehmen wie Spanisch allein. Offensichtlich sind die Texte sogar von Deutschen verfaßt worden, doch leider fehlte wohl das Geld oder die Zeit für einen Lektor, so daß es manchmal seltsame Schreibfehler oder Formulierungen gibt. Insgesamt hat sich der Ausflug gelohnt, zumal ich mich an zahlreiche Gegenstände im Haushalt meiner Großeltern erinnert fühlte.

Ein junges Duo aus Geige und Baß

Danach schlenderte ich an der stark frequentierten Promenade entlang, schaute mal bei den Verkäufern von Artesanias vorbei und verzehrte mein selbstbelegtes Supersandwich. Doch da ich mich nicht so gut fühlte, beschloß ich zurückzufahren. Auf dem Weg zur Haltestelle hörte ich plötzlich unter all den Geräuschen klassische Musik heraus. Saiteninstrumente! Unter einer Pergola verborgen musizierten zwei junge Musiker (vielleicht sogar noch in ihren späten Teens). Vor dem einen stand sein aufgeklappter Geigenkasten, während rundherum einige Passanten auf der Promenadenmauer oder den nahen Bänken saßen. In schneller Abfolge hangelten sich die beiden durch ein buntes Musik-Potpourri: Eine kleine Nachtmusik, Elenor Rigby, Tango, Walzer, Polka. Das meiste kannte ich, kann es aber keinem Titel zuordnen, sorry.

Haste Töne?

Dort saß ich jedenfalls eine ganze Weile, beobachtete die beiden beim Spielen und lauschte den Klängen. Die beiden waren mal mehr, mal weniger in ihrer Musik versunken. Die meisten Vorbeikommenden gaben indes regelmäßig eine Kleinigkeit. Insbesondere Kinder bekamen von ihren Eltern etwas Geld in die Hand gedrückt, um es als Obolus zu entrichten. Gestört wurde das Ambiente nur von dem Maisverkäufer (oder was auch immer), der aus seinem Wagen meiner Meinung nach viel zu häufig mit einem kreischenden Ton Dampf abließ. Doch das wie auch das Stimmengewirr der Menschen, das Vorbeirollen der Autos, der freie Blick auf den Vulkan und das Vorbeirennen der Kinder gehörten zu diesem Strandambiente dazu.

Ein noch volleres Collectivo

Schließlich begab ich mich jedoch auf den Rückweg, erwischte eine andere Microbus-Company und wurde auf den Beifahrersitz verfrachtet. Der Busfahrer war gut drauf und nahm jeden mit und erfüllte gern auch besondere Ausstiegswünsche, will sagen an nicht dafür vorgesehenen Haltepunkten. Dieser Minibus wurde wirklich sehr voll. Neben mir stand ein Verkaufstisch, daneben lagen Taschen, obenauf miteinander verbundene Strohkörbe, die dem Fahrer nur noch einen sehr begrenzten Spielraum beim Schalten ließen. Ansonsten wurden Eimer, Müllsäcke (ohne Müll, mit anderem Inhalt), Gepäckstücke und ja richtig, Menschen befördert. Also alles ganz normal! Doch als ich in Puerto Varas aussteigen wollten, mußte ich ganz schön klettern, da es auf dem Beifahrersitz keine Tür gibt. Wieder einmal super viel Spaß mit den Collectivos.

Cruce Andino – ein langer Weg über die Anden (10.2.2017)
Chiloé – Näher als gedacht! (12.2.2017)
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