Natur pur – keine Frage, daß ich dafür gern früh aufstand. Allerdings ließ ich aus Zeitersparnisgründen das ohnehin miese Frühstück sausen. Um kurz vor acht traf ich mich dann um die Ecke mit meinem Guide Martín, mit dem ich am Nachmittag einige Gewässer des Nationalparks unsicher machen wollte. Doch zuvor stand für mich ein Trail auf dem Programm, da ich leider keine Ganztagestour im Kajak hatte ergattern können (Mindestteilnehmerzahl zwei, tja Pech gehabt). Aber in den Bergen zu wandern steht auf meiner Liste der Lieblingsbeschäftigungen auch sehr weit oben…
Laguna Escondida – versteckt, in der Tat!
Wir brachen mit einem 4×4 auf, was sich in Geschwindigkeit und Bequemlichkeit auf den Straßen im Nationalpark sofort bemerkbar machte. Leider mußte ich ein zweites Mal Eintritt bezahlen, da die Tickets nur 48h Gültigkeit besitzen. Aber was soll’s.
Der einsame und steile Pfad zur Laguna escondida
Martin setzte mich am Abzweig zur Parkaufsicht kurz hinter dem Trail ab und wies mich an, auf jeden Fall erst einmal zu den „Rangern“ zu gehen und mich dort für die Wanderung einzutragen. Also machte ich mich bei empfindlicher Frische (8°) und etwas dünn bekleidet (T-Shirt und Fleeceshirt) zu den besagten Parkwächtern auf. Dort trug ich mich ein und konnte gleich feststellen, daß ich allein sein würde (Natur pur, super). Der kurzangebundene Parkwächter erklärte mir auf Nachfrage noch schnell, wie ich zügig zum Trail kommen konnte und dann ging ich los. Bergauf!
Bergauf: steil, steiler, am steilsten
Das erste Bergauf, das kurz von der Straße unterbrochen wurde, sollte bei weitem nicht das letzte bleiben. Genaugenommen ging es für die nächsten eineinhalb Stunden praktisch ununterbrochen bergauf. Es ließ sich nur ein Unterschied im Steilheitsgrad feststellen. Wie? Ganz einfach, am Schnaufen meinerseits. Extremes Schnaufen und nur noch auf den Ballen nach oben Kriechen = sehr steil! Eigentlich gab es nur die Abstufung zwischen extrem steil und ziemlich steil. Nun war mir auch klar, warum für 2x2km (hin und zurück) durchschnittlich drei Stunden veranschlagt sind und die Schwierigkeit des Pfades mit anspruchsvoll bis hoch angegeben wird.
… und das ohne Frühstück
Auf den folgenden zwei Kilometern zur Lagune mußte ich zunehmend häufiger kurz stehen bleiben, um wieder zu Luft zu kommen. Die Beine zitterten und mein Hunger – kein Frühstück! – wuchs. Aber weiter ging es. Ich konnte kaum etwas rechts und links des sehr schmalen Pfades wahrnehmen, weil ich mich auf die Unebenheiten des selbigen konzentrieren mußte. Manchmal erhaschte ich allerdings Blicke auf die weit unter mir liegenden Seen, die Berge rundherum, den Gletscher Torrecilla, die nun nur noch winzige Straße, den Campingplatz am Arrayanes. Und manchmal traf mich sogar ein erster Sonnenstrahl, der über den Hang und zwischen den Bäumen bis zu mir gelangte. Dieser wärmte dann angenehm, auch wenn ich mich durch das stetige Steigen über etwaige Kälte nicht mehr beklagen konnte. Ich schwitzte einfach zu sehr. Tja, ein bißchen mehr Training und ein bißchen weniger Sitzen könnten helfen. Aber ich vermute, hier würden fast alle ins Schwitzen kommen.
Irgendwo Huemule hier?
Als ich oben ankam, d.h. das steile Bergauf ein Ende nahm, war ich in einer grünen Landschaft angelangt, die mir nur einen schmalen Durchgang ließ. Genau richtig so … Nun konnte ich mir noch besser vorstellen, daß dieses Gebiet ein Rückzugsgebiet des Huemul (kleine Hirschart der Anden) ist. Doch diese Tiere sind auf jeden Fall bessere Kletterer als ich, wenn sie leichten Hufes diese Abhänge hinauf- und hinunterspringen können. Zu gern hätte ich ja mal ein Exemplar getroffen, doch sie sind leider eher nachtaktiv und menschenscheu.
Nein, aber Spechte!
Dafür traf ich auf einen endemischen Vogel. Eigentlich hörte ich ihn zuerst, denn er gehört zu den Spechten und wird als magellanic woodpecker (magellanischer Specht) bezeichnet. Es klopfte auch munter. Langsam näherte ich mich ihm und ihr, wie ich entdeckte. Das Pärchen hockte an zwei benachbarten Bäumen und klopfte sich durch die Rinde. Dabei „zwitscherte“ das Weibchen, während sich das Männchen (Indikator: roter Kopf) durch nichts stören ließ. Also auch nicht durch mich. So konnte ich ganz nah heranschleichen und sie eine Weile beobachten. Aus der Ferne waren währenddessen noch weitere Hack- und Haugeräusche zu hören.
Lagune – versteckt im Unterholz
Doch dann ging ich weiter, um endlich die Lagune zu finden. Diese hatte sich dann auch, wie es ihr Name verrät, ordentlich in dem Unterholz versteckt. Aber sie konnte mir dank der Beschilderung nicht entgehen! Dort angekommen ließ ich mich für eine kurze Pause auf einem toten Baum nieder, genoß mein Frühstück in der Sonne und freute mich daran, vollkommen allein zu sein (Natur pur läßt grüßen).
Hoch oben auf dem Mirador
Da es aber selbst in der Sonne noch recht frisch war, brach ich bald wieder auf und nahm diesmal den Weg über einen Aussichtspunkt. Dieser Streckenabschnitt kam mir noch verwunschener und schöner vor, zumal die Sonne nun die Gerüche des Waldes in die Luft trieb. Der Aussichtspunkt selbst ist ein Felsvorsprung, auf dem man sich wie in einem Adlerhorst fühlen kann. Freie Sicht rundherum und ein steiler Abhang unter einem! Was für ein Ausblick!
Und nun schnell bergab
Aber weiter ging es hinab. Bald traf ich wieder auf den Hauptweg und schlitterte weiter den Hang hinunter, wenn es sehr steil und feinsandig war. Aber es gab zum Glück immer wieder Wurzeln oder hervorragende Felsstücke, die eine Lawine verhinderten. Unten angekommen wandte ich mich erneut den Rangern zu, um mich aus der Liste ordnungsgemäß auszutragen. Anschließend schlenderte ich zum Arrayanes und brach in Richtung Lago Verde auf.








Mit dem Kajak auf dem Lago Verde und dem Río Arrayanes unterwegs
Mein Weg führte mich mal direkt am Arrayanes, mal oben auf der Straße, dann wieder am Fluß oder dann schon See (Lago Verde) entlang. An und für sich ist auch diese Strecke sicherlich kurz, doch dieses stete Auf und Ab sowie das weitgehend wilde Terrain verhinderten ein schnelles Vorankommen. Allerdings lag ich gut in der Zeit, da ich für meine Tour zur Lagune nur zweieinhalb Stunden gebraucht hatte. So ließ ich mir auch etwas Zeit und genoß das inzwischen erfreulich warme und sonnige Wetter. Bei so einem Wetter auf das Wasser, cool. Beinahe wäre ich jedoch zu spät gewesen, weil ich die Entfernung bzw. die Dauer des Laufens unterschätzt hatte. Doch wie eine Schweizer Uhr traf ich punktgenau um zwei bei Martin ein.
Alles fertig?
Jetzt hieß es umziehen, Surfschuhe anziehen, die Sachen zusammenräumen. Und dann ging es zum See hinunter (ein paar Schritte). Hier legten wir die Kommunikationssprache mit Englisch fest, damit Martin mal ein wenig üben konnte. – In dieser Saison bin ich doch glatt der erste Nicht-Spanisch-Sprecher. – Dann erzählte er kurz etwas über unsere Tour und den Park. Als er bemerkte, daß ich ungeduldig war, ging er schnell zum Wesentlichen über: Wie besteigt man ein Kajak und wie befestigt man die Persenning. Und schwups, saß ich drinnen und er schob unser Kajak voll in den See. Nachdem auch Martin im Boot saß, ging es los.
Strömung, Wirbel, Kormorane, Gänse, patagonische Nagetiere
Hier mache ich es mal kurz: Das Kajak-Fahren war toll. So nah an allem, so viel zu spüren (auch die Muskeln, grins), so viel zu sehen, so viel Ruhe. Wunderschön! Und meinem Körper scheint das gut zu tun, so daß ich darüber nachdenke, ob dies eine neue Sportart für mich werden kann, auch wenn ich mir selbst eingestehe, daß ich wohl eher ein Schönwetter-Fahrer sein würde.
Leider hat alles ein Ende
So auch dieser Tag, der sicherlich auch aufgrund des hervorragenden Wetters so positiv in Erinnerung bleiben wird. Nach unserer Kajak-Tour brachte mich Martin zur „Bushaltestelle“, damit ich den Bus auch auf jeden Fall erreiche. Er fährt nämlich nur einmal am Abend zurück nach Esquel. Mit diesem Vehikel zuckelte ich dann durch den Park, was sich wegen der verschiedenen Stops hinzog. Gegen halb neun erreichten wir das Busterminal, an dem ich mir gleich noch meine Fahrkarte für Freitag nach El Bolsón kaufte. Danach ging ich bei meinem Essensladen vorbei (etwas humpelnd wegen der Steifigkeit) und ließ den Abend gemütlich ausklingen.





