An meinem zweiten Tag in Esquel widmete ich mich vormittags einer für Touristen aufgemachten Attraktion, doch einmal darf man da auch mitmachen. So bestieg ich den Zug „La Trochita“, der ehemals regelmäßig zwischen Esquel und El Maiten verkehrte. Er bzw. die Zugstrecke hat eine besondere Geschichte, die ich hier lieber nicht wiedergebe. Interessant ist sie allemal.
Der Zug – deutsche Produktion
Den Zug „La Trochita“ (Old Patagonian Express) könnte man als Schmalspurbahn bezeichnen, da seine Schienenbreite aberwitzig klein ist. Entsprechend schmal ist auch der Zug. So gibt es nur Zweier- und Einersitzplätze. Und diese Sitzplätze erfüllen die Maße des letzten Jahrhunderts, als die Menschen deutlich weniger zu Fettleibigkeit tendierten als heutzutage. So durfte ich z.B. ein argentinisches Pärchen mir schräg gegenüber sitzend bewundern, das so viel Platz benötigte, daß sie zu einem Drittel in den Gang „hineinquoll“, der dadurch ziemlich verengt wurde.
Ebenso eng und niedlich ist der Speisewagen, ganz zu schweigen vom (nicht mehr nutzbaren) WC, das nicht nur eng, sondern auch „plumpsig“ war. Selbstverständlich gab es diesen Komfort nur in einem Wagen erster Klasse, nicht etwa im Wagen zweiter Klasse (Holzwagen). In den Passagierräumen gibt es einen (inzwischen nicht mehr nutzbaren) Miniofen, um darauf während der langen Fahrten zu kochen. Ohne Mate-Tee ging und geht hier ja gar nichts.
Die Zugfahrt
Während der Fahrt betreut ein Guide zwei Waggons. Und wie es so ist, wurde ich sogleich als Ausländer von der Fremdenführerin angesprochen, ob ich Spanisch verstünde. Der Waggon ist voll und wer wird angesprochen? Ich. Naja, sie hatte ja recht. Alle anderen kamen fast ausschließlich aus Buenos Aires, alle waren Argentinier, wie ihre Frage ergab. Ich versicherte ihr jedenfalls, daß ich Spanisch verstünde, nur mit dem Sprechen hapere es ein wenig. Sie war sichtlich erleichtert und plauderte munter an alle gewandt (Lautsprecher um den Bauch) drauflos. Wie leicht man Menschen eine Freude machen kann, nicht wahr?
Nach der Vorstellung ihrer Person und einigen Erklärungen zur Sicherheit, zum Fahrtziel und zum Zug im Allgemeinen setzte sie ihre Arbeit im anderen Waggon vor. Ich ging in den letzten Waggon (Speisewagen), weil sie darauf hingewiesen hatte, daß demnächst die scharfen Kurven kämen, in denen man die Zuglänge besonders gut erleben (und photographieren) könne. Das gelang mir dann auch, inklusive einiger kurzer Videos. So erfreute ich die Leute in den Waggons noch einmal durch mein durch den Zug Laufen und begab mich auf meinen Platz zurück. Dort platzte ich dann mitten in den historischen Überblick, der mir dadurch eher verschlossen blieb. Wer versteht schon eine Story, wenn er den Anfang verpaßt hat?
Das Reiseziel: Nahuel Pan
Das heutige Reiseziel sind ein paar Hütten, die zu einer Mapuche-Gemeinde gehören. Hier kann man etwas über die Geschichte des Zuges und der Mapuche erfahren oder (echte und unechte) „Artesanias“ erwerben. Da ich mich weder nach dem patagonischen Wind noch nach diesen Hütten sehnte, beeilte ich mich mit dem Aussteigen nicht so. Dadurch kam ich ins Gespräch mit der Führerin, die zwar einen durch und durch deutschen Namen hat, aber kein Wort deutsch spricht. Sie erzählte mir auf Nachfragen, wieso das so ist. Ihr Urgroßvater war deutschstämmig, seine Frau Italienerin. Er machte sich vom Acker, salopp ausgedrückt, und so sprach man in der Familie neben Spanisch eben Italienisch. Ansonsten sprachen wir über meine Reise und ein wenig über Patagonien und den Tourismus. Mein begrenzter Wortschatz hemmte etwas, aber wir kamen doch klar.
Und auf demselben Weg zurück
Tja, nachdem ich dann auch noch etwas ausgestiegen war und einige Fotos gemacht hatte, ging es dann bald wieder zurück. Doch zuerst beobachtete ich noch, wie die Lokomotive umgesetzt wurde, damit sie nun wieder vorn ziehen konnte. Auf der Rückfahrt hörte ich dann ein wenig Musik, um die lauten Geräusche etwas ausblenden zu können. Auch den Erklärungen folgte ich nicht weiter, weil es über den Lautsprecher einfach fast nicht zu verstehen war. Für mich war er zu laut und, keine Ahnung wieso, aber über diese Kommunikationsmittel verstehe ich Sprache einfach nicht gut, nicht einmal Deutsch. Wahrscheinlich fehlen irgendwelche Frequenzen oder so etwas in der Art, die in der menschlichen Sprache vorhanden sind.




Ein Kreuz mit dem Kreuz
Der Nachmittag: Und was nun?
Da „La Trochita“ sogar überpünktlich um kurz vor eins im Bahnhof von Esquel einlief, hatte ich noch ziemlich viel freie Zeit vor mir. Also ging ich erst einmal mit einem Zwischenstop zur Essensbeschaffung ins Hotel zurück. Dort pausierte ich. Dann aber beschloß ich, den „hinter“ Esquel liegenden „Hausberg“ zu erklimmen. Dieser heißt „Cerro La Cruz“, da auf ihm ein großes Kreuz steht. Er ist etwas über 1000m hoch und, da Esquel selbst etwa auf 500m Höhe liegt, sollte das machbar sein. Also Sachen zusammengepackt und los.
Und wo bitte geht es lang?
In der Touristeninformation hat man so getan, als ob alles prima ausgeschildert wäre, aber Pustekuchen. Wahrscheinlich sind sie nie weiter als bis zum ersten Schild gelaufen oder kennen sich ohnehin gut genug aus. Jedenfalls fand ich das besagte erste Schild genau da vor, wo es sein sollte. Doch dann kam nichts mehr. Also orientierte ich mich an der Straßenkarte von Esquel. Außerdem ist so ein großer Hügel schwer zu übersehen, so daß die Richtung klar ist. Nur wollte ich ungern über fremdes Land laufen oder falsch abbiegen und dann einen großen Umweg laufen müssen.
Ich suchte also emsig weiter beim Bergauflaufen, doch nada. Dafür lief ich nun durch das Stadtrandgebiet und sah endlich, was ich insbesondere in Argentinien häufiger gesehen habe. Hier wohnen die Menschen mit indigener Abstammung, dunklerer Hauttyp, nahezu schwarze Haare, wenig europäisch durchmischt. Ganz anders als die Leute aus dem Tourismus hier: alle hellhäutig oder doch zumindest nur mit spanischem Teint, größer, weniger gedrungen und sogar eher auf die Figur achtend. Man kann das auch mit arm und reich zusammenfassen, wobei ich nicht behaupten möchte, daß hier die „Weißen“ reich wären. Aber sie haben anscheinend genug Geld für bessere Schulbildung und andere Dinge, um so in den besser bezahlten Jobs arbeiten oder gar selbständig arbeiten zu können.
Ein steiniger Aufstieg
Ich folgte gezwungenermaßen der Straße, die sich in Serpentinen der Bergspitze annäherte. Nachdem ich mich ein wenig aus den letzten Ausläufern der Stadt hinauf gearbeitet hatte, konnte ich den Kieferngeruch und die leichte, vom Boden aufsteigende Wärme genießen. Die Sonne strahlte, der Wind war erfrischend, doch nicht kalt. Und so stieg ich weiter, schnaufend, japsend, keuchend. Meine Güte, ganz schön steil. Und plötzlich sehe ich etwas weiter vorn und über mir Mountainbiker über den Weg springen! Nun wird mir auch klar, was diese komischen „Wege“ sein sollen. Es sind Spuren, die die Biker bei ihren wilden Ritten zwischen den Bäumen und Sträuchern hindurch erzeugt haben. Gut, daß ich dort noch nicht gewesen war. So schnell hätte keiner von uns reagieren können.
Wie sich zeigte, war die Straße der sicherste Ort vor den Bikern, denn diese war ihnen deutlich zu langweilig. Nicht daß es vor Mountainbikern nur so gewimmelt hätte, doch einige sah ich schon. Und ich sah auch, wie sie bis nach oben gefahren wurden. Es geht ihnen also um den Kick beim Hinunterfahren, nicht um Fitness.
Als ich oben beim Kreuz ankam – trotz einiger heftiger, nahezu atemraubender Windböen hatte ich es geschafft – und ein Selfie schoß, winkte mir jemand aus einer Bude auf dem absoluten Gipel des Berges zu. Ich nahm das als Aufforderung und suchte diesen „Bunker“ auf. Dort traf ich auf einen freundlichen Mann vom Brandschutz, der hier jeden Tag bis abends um acht sitzt und die Gegend nach etwaigen Feuern bzw. Feuerherden absucht (auf anderen Bergspitzen sitzen andere). Außer dem an den Mauern und Fenstern rüttelnden Wind ist hier nichts los, doch ihm gefällt der Job, den er bereits seit acht Jahren ausübt. Echt erstaunlich.






Ein Blick in die Ferne und dann wieder zurück
Er bietet mir Wasser und seinen Sitzplatz an, doch nach einer kurzen Pause und dem Schweifenlassen des Blickes über die großartige Aussicht verabschiede ich mich und beginne mit dem Abstieg. Nach der ersten Umrundung des Berges und um einem parkenden Autofahrer mit seinem allzu neugierigen Hund auszuweichen, schlage ich mich in die Büsche und verwandele mich nun in ein Mountainbike, das rasant nach unten strebt. Ich rutsche, hopse, springe, balanciere und horche, ob evtl. jemand von hinten kommt, der sehr viel schneller als ich sein würde. So gelange ich recht schnell ein großes Stück hinunter. Bald stehe ich wieder auf der nach Esquel hineinführenden Straße, treffe auch den Autofahrer wieder und erkenne, daß ich beim Aufstieg einen kleinen Umweg genommen habe. Doch als ich dann am Ausgangsschild ankomme, stelle ich fest, daß ich mit meinen zweieinhalb Stunden unter den ausgewiesenen drei Stunden geblieben bin. Yeah, was eine lange Abkürzung doch so alles bringt.
Nach der Wanderung begebe ich mich zu meiner Lieblingsagentur (frontera sur), in der mich Cecilia so richtig freundlich begrüßt. Wir palavern – soweit ich mithalten kann – und dann ist klar, was ich am nächsten Tag machen werde. Doch das steht in einem anderen Post…
