Gleich am ersten Tag wollte ich mir den Grund meiner Reise nach Esquel anschauen, den Nationalpark „Los Alerces“. Esquel liegt nur in den Ausläufern der Anden und etwa 50km vom zentralen Parkeingang entfernt, während der Park selbst in den Anden (bis etwa 2700m Höhe) und an der Grenze zu Chile liegt. Er ist für seine „Alerces“ (Patagonische Zypresse) berühmt, die Tausende von Jahren alt werden können. Der Älteste hier ist 2600 Jahre alt und hat deshalb den Namen „El Abuelo“ (der Großvater) erhalten.
Los Alerces und andere Bäume
Diese Zypressen stehen inzwischen unter Naturschutz, damit sie nicht mehr abgeholzt und verkauft werden. Ihre Stämme laden nämlich dazu ein, weil sie so unglaublich gerade bis zu 50m in den Himmel wachsen, so daß eine Weiterverarbeitung des Holzes leicht ist. Außerdem ist das Holz sehr „saugfähig“, weswegen es für den Schiffbau gern gesehen war. Auch interessant ist, daß „Los Alerces“ sogar zwischen Felsen wurzeln können, so daß man sie an den Ufern der Seen im Nationalpark vorfinden kann. Wahrscheinlich fällt es ihnen sogar leicht, so Wurzeln zu schlagen, da sie pro Jahr nur einen Millimeter im Umfang wachsen und damit wohl auch die Wurzeln genug Zeit haben dürften, so richtig fest in die Felsen hinein zu kriechen.
Ebenso faszinierend ist eine andere Baumart, deren spanischen Namen (beginnend mit „Ar…“) ich mir leider nicht lange merken konnte (, jetzt aber doch herausgefunden habe: Arrayan). Doch die Stämme sind toll: Sie sind kalt, weil in den Stämmen viel Wasser wie in Röhren hinauf und hinunter fließt. Hinzu kommt, daß die Bäume kaum eine herkömmliche Rinde besitzen und ockerfarben bis rötlich zu sein scheinen.
Eine dritte Art ist auch interessant gewesen, da diese Bäume wegen ihrer geringen Wurzeltiefe (1-2m max.) und als Oberflächenwurzler sehr oft vom Umfallen bedroht sind und damit für totes Unterholz sorgen. Daneben gibt es verschiedene Moose zu bestaunen oder die riesigen Bambus“stämme“, die nach der Blüte absterben (typisch für Bambus, klar, aber die „Halme“ sind hier meterhoch).
Die Fahrt zum Schutz-Schutz-Bereich des Parks begann früh um acht mit einem Minibus, der einige Leute einsammelte. Danach legten wir die etwa 40km bis zum Parkeingang zügig und schweigsam zurück. Beim Bezahlen des Eintritts bestätigte sich meine Vermutung: alles Argentinier außer mir. So durfte ich als Einziger den vollen Preis von 150 Pesos (ca. 9€) bezahlen. Und schon ging es entlang der Seen/ Flüsse des Nationalparks (mit z.T. atemberaubenden Ausblicken) auf einem schmalen Ripio bis zum „Abwurfpunkt“ weiter. Dieser liegt zwischen Lago Verde und Rio Arrayanes. Dort angekommen erhielten wir noch einen Hinweis, wann wir zurück sein (Abfahrt gegen 16.45) und wohin wir uns nun wenden sollten. Wie stets alles auf Spanisch, was mich wie immer veranlasste, vorsichtshalber noch einmal nach der Zeit nachzuhaken. Ich wollte keinesfalls zu spät sein und dann im Nationalpark festsitzen, so schön er auch ist.
Lago Menendez
Um zu der eigentlichen Tour gelangen zu können, mußten wir – jeder für sich, super – zunächst über eine große Hängebrücke den Arrayanes überqueren, an deren Ende mich ein Schild darüber informierte, ich würde nun eine Puma-Zone betreten. Des Weiteren erhielt ich Tips, wie ich mich im Falle einer Begegnung mit einem Puma verhalten sollte. Da dies ebenfalls nur auf Spanisch mitgeteilt wird, soll der arme unverständige Tourist wahrscheinlich gefressen werden.
Danach folgte ein kleiner Spaziergang von etwa einer halben Stunde am anderen Ufer entlang. Die Aussicht auf den Rio Menendez und die Vegetation gaben schon einen kleinen Vorgeschmack auf das Innerste des Nationalparks. Da es noch recht früh war, war ich ganz allein und konnte die verschiedensten Vögel hören. Und hatte meine Ruhe vor unsinnigem Gelabber. Oder Kindergeschrei. Weil ich aber deutlich zu früh am „Hafen“ (Puerto Chucao) ankam, lief ich noch etwas weiter bis zu einem Aussichtspunkt auf den Torrecilla-Gletscher. Ein durchaus imposanter Anblick, auch wenn ich inzwischen bereits ziemlich viele Gletscher zu Gesicht bekommen hatte. Allerdings war sein Anblick gleichzeitig auch beunruhigend, denn man konnte sehen, wie wenig nur noch von dem einstmals immensen Gletscher übrig geblieben ist.
Zurück am Hafen wartete ich auf das Einschiffen, doch zuerst durfte die große Gruppe an Bord gehen. Dabei beobachtete ich die „Formalitäten“, d.h. hier die „Desinfektion“ der Schuhe, damit wir keine Keime etc. in die restringierte Gegend einschleppten. Endlich waren auch wir dran: Eine Minigruppe von fünf Touristen, zwei Guides (die eine sprach sogar Englisch, wie sich noch herausstellte), zwei Mann „Bootsbesatzung“. (Gleich nach dem Niederlassen auf den Sitzen wies der Captain die zwei (furchtbar fetten) Speckies an, bitte nicht außen zu sitzen. Das Boot hatte nämlich durch sie ganz schön Schlagseite bekommen!) Wir schipperten schließlich ziemlich schnell über den großen See Menendez, so daß die Gischt rechts und links hoch aufspritzte, und erreichten unser Ziel noch vor dem großen, vorher abgefahrenen Boot.
Rundgang „Alerzal Milenario“
So betraten wir als erste das Ufer, auf dem ein zwei Kilometer langer Pfad durch die Vegetation des Nationalparks „Los Alerces“ führt, um mit einem Besuch eines der ältesten Bäume hier abzuschließen. La guia erklärte wirklich gut und stillte sogar meinen Wissensdurst. Wenn ich noch Fragen hatte, wechselten wir teilweise ins Englische, doch meist ging es auch so. Bei den Zahlen muß ich allerdings immer noch nachfragen.
Der Rundgang führte manchmal steil bergauf, manchmal steil bergab, was den beiden dicken Argentiniern zu schaffen machte. So gingen wir langsam und ich hatte Zeit, alles zu bestaunen und anzufassen. Die Rinden sind so unterschiedlich … Und die Blätter und Moose selbstverständlich auch.
Wir kamen am Lago de Cisnes (See der Schwäne, gemeint sind hier diejenigen mit einem schwarzen Hals) vorbei und erfuhren, daß alle Seen miteinander verbunden sind (ok, das sagte mir die Karte auch) und ein Gefälle aufweisen, das für das hydroelektrische Werk am Ende der Seen genutzt wird. Das war schon viel wissenswerter.
Zum Schluss erreichten mir den „Großvater“ der Alerces. Er ist etwa 2600 Jahre alt, 57m hoch und hat einen Umfang von 2,80m, was gar nicht so dick ist für so einen alten Baum. Allein das sagt schon etwas über die Kompaktheit des Holzes. Kein Wunder, daß es immer begehrt war. Wenn man sich das Alter vergegenwärtigt, ist es einfach nur staunenswert. Welche Entwicklungen auf der Welt sind in dieser Zeit erfolgt, während er so langsam vor sich hinwuchs. Und diese Bäume sind nicht einmal die ältesten auf der Erde. So gibt es z.B. irgendwo in Skandinavien einen etwa 9.500 Jahre alten Baum. Eigentlich ist das nicht mehr vorstellbar.
Rückkehr in die immer weniger geschützten Zonen
Im Anschluss bestiegen wir wieder unser kleines Boot, dümpelten erst nur etwas herum, um in Ruhe essen zu können, was sich jeder mitgebracht hatte. Dann nahmen wir Fahrt auf und dieses Mal durfte ich im Bug draußen bleiben. Vielleicht fand mich der Captain ganz nett, zumal ich den Guides von der Puma-Safari erzählt hatte und sie gestaunt hatten. Oder aber er wollte mit mir in Ruhe mal auf Englisch sprechen. Ich bin nämlich eine Rarität in Esquel: Es gibt fast keine Touristen ohne spanischsprachigen Hintergrund. Genaugenommen gibt es fast nur argentinische Gäste. Wie dem auch sei, wir unterhielten uns ein wenig über Dinge wie den Tourismus und vor allem die argentinische Wirtschaft. Sehr interessant.
Nach unserer Ankunft im Hafen wurde ich besonders herzlich verabschiedet – in den Arm nehmen und Beso –, wie gut, daß ich das in den letzten Jahren etwas gelernt habe und nicht mehr zurückschrecke. Und so gingen wir wieder unserer Wege. Beim Minibus angekommen war ich der erste. Die anderen meiner Tour kamen ebenfalls pünktlich, doch drei weitere Mitfahrer (Argentinier!) erschienen einfach nicht. Mit knapp einer Stunde Verspätung geruhten sie dann endlich mal herbei zu schlendern, ohne jede Entschuldigung selbstverständlich, und ich knurrte sie leise an („una hora más tarde“). Doch niemand sagte etwas. Selbst der Busfahrer nicht, mit dem ich mich etwas unterhalten hatte. Er meinte nur, das erlebe er immer wieder… Wie arrogant und rücksichtslos!
Auf der Rückfahrt aus dem Nationalpark „Los Alerces“ genoß ich nochmals die Blicke auf die Seen und Flüsse, die Sonnenstrahlen zwischen den Wolken und das Glitzern auf dem Wasser. Ich sah aber auch die Überreste des letzten Brandes, verkohlte Baumstümpfe, von vor einem Jahr. Da es so oft Neues zu entdecken gibt, bleibt jede Fahrt spannend, selbst wenn das Rütteln Müdigkeit ausbrechen läßt.
















