Am nächsten Tag war ich ein wenig später dran, so daß ich um acht in meiner Kabine den überlauten Weckruf, eingeläutet mit Vogelgezwitscher, anhören durfte. Am liebsten hätte ich ohnehin diesen Lautsprecher abgekabelt, doch das hätte man mir vermutlich krumm genommen. Immer diese Lautstärke und dann die Anrede als „amigos“ bzw. „friends“. DAS bin ich aber nicht.
Kleiner Vorgriff auf die abendliche Durchsage, die mich so richtig erboste: Da wurden wir doch tatsächlich mittels Durchsage angewiesen (!) – tiene que dar bzw. you must give -, die (keineswegs anonyme) Befragung und vor allem das Trinkgeld für die Crew dem Captain beim „Captain’s Diner“ in die Hand zu drücken. Wer es nötig hat, mir so etwas zu „befehlen“, kann leider nicht mit meiner Unterstützung rechnen. Eine kleine Umfrage an meinem Tisch ergab eine ähnliche Einschätzung, auch wenn die anderen trotzdem nicht ausscherten, sondern brav „spendeten“.
Alsina-Gletscher
Nachdem wir in den Montanas-Fjord (Fjord der Berge, haha, hier gibt es nur Berge rundherum) eingefahren waren, gab es ab und zu einen Gletscher beim Vorbeifahren zu sehen. In die Boote wurden wir aber erst zur Besichtigung des Alsina-Gletschers verfrachtet. Und wen mag es noch wundern: Es regnete wie immer, allerdings diesmal sogar ziemlich stark. Entsprechend war es in den Booten, die wir auch gar nicht verließen. Wir kreuzten nur ein-, zweimal vor dem direkt ins Wasser hineinragenden Gletscher herum und das war es dann auch schon. Für Fotos blieb wenig Zeit, doch die Linsen sind bei diesem Wetter ohnehin oft so „tropfig“, daß die Bilder nette weiße Flecken aufweisen. Irgendwie war dieser Ausflug nicht so prickelnd.
Bernal Gletscher
Dieses Gefühl der verlorengegangenen Faszination sollte sich auch bei den nächsten Ausflügen fortsetzen. Dies hängt m.E. allerdings auch mit der Mentalität der Chilenen zusammen, die wie viele Südamerikaner wenig vorausdenken noch problemorientiert handeln noch an wahrhaftigem Service interessiert sind.
Planung?
Das läßt sich gut an der geplanten Tour zum Bernal-Gletscher veranschaulichen. Noch vor dem Mittagessen wurden wir ausgeschifft, um über einen engen Pfad durch einheimische Flora zu einer Lagune zu gelangen. In ihr ist ein Pfad angelegt, der ein Überqueren ermöglicht, um dann weiter bis an den Gletscher herangehen zu können.
Vorausschauendes Denken hätte bedeutet zu antizipieren, daß die Lagune bei viel Regen – den wir ja nun einmal hatten – wahrscheinlich einen etwas höheren Wasserstand haben würde und somit der Pfad an einigen Stellen überflutet sein könnte. Die Problemlösung hätte aus einigen Holzplanken (oder nur einer!) bestehen können, die zur Überbrückung der kritischen Stellen mitgenommen werden. Dann hätten alle weitergehen können und nicht nur diejenigen, die kein Problem damit haben, bis zu 20cm im Gletscherwasser zu versinken. Das ist ja nicht nur kalt, die Schuhe (Hosen, Socken) sind dann auch lange Zeit nicht zu benutzen.
Doch da dem nicht so war, konnte ich mich dem Gletscher nicht weiter als bis zu eben dieser Lagune nähern, was mich insofern störte, als daß ich gern einmal einen Gletscher hatte berühren wollen. Cindy, der Prof aus Berkeley, andere und ich mußten also umkehren, während sich etwa die Hälfte auf die kalten und nassen Füße und Beine einließ. Keine gute Planung.




White-Enge
Tja, diese Mini-Pannen, die gern auf höhere Gewalt geschoben werden, setzten sich irgendwie auch am späten Nachmittag fort. Oder es war mehr so, daß keiner so richtig einen Plan zu haben schien, was uns bei diesem letzten Ausflug mit dem Boot gezeigt werden sollte. Ausgewiesen war es als eine Bootsfahrt zwischen den kleinen Inseln der White-Enge hindurch, um noch mehr von der Flora und Fauna des Nationalparks sehen zu können. Hmm, dafür sollte man Guides haben, die derartiges auch finden, benennen und richtig erklären können.
Nachdem die gesamte Tour bereits verspätet begonnen hatte, fuhren wir auf einen Rundkurs an Inseln vorbei. Dabei bekamen wir kaum etwas zu sehen, das wir nicht schon vom Schiff aus hatten sehen können, z.B. einen Felsen mit Kormoranen oder die in den Lüften kreisenden Kondore. (Die auf Nachfrage gegebene Erklärung zu diesen Tieren war z.T. falsch.) Einziges Highlight waren zwei kleine, relativ lustig durch die Wellen springende Delphine, die wie immer zu schnell waren, um sie länger als einen Augenblick sehen zu können.
Relativierung
Das hört sich jetzt alles sicherlich zu kritisch an, aber man darf nicht vergessen, daß diese Reise sehr teuer ist und einiges versprochen wird. Doch nicht nur die Mentalität der chilenischen Crew und die Selbstgefälligkeit des Kapitäns, sondern auch die Monopolstellung dieses Familienbetriebes (Reederei) verhindern eine durchaus mögliche Optimierung, die ihr Geld wert wäre. Ich konnte schon auf meine Weise bei dem Bootsausflug die Natur genießen: den Schrei eines Kondors, die seltsamen Wirbelwinde auf dem Wasser, vereinzelte Sonnenstrahlen über den Bergen und auf dem Wasser, die Wolkenformationen, die in der Ferne im Sonnenschein liegenden Berge, das Farbenspiel rundherum. Doch das Unternehmen hat dazu wenig anderes beigetragen, als mich genau dorthin zu befördern.
„Captain’s Dinner“
Meine Kritik hört nun leider nicht einfach auf, denn auch dieses letzte Mahl veranschaulicht meine Probleme mit der Organisation. Und nicht nur meine, doch die anderen nehmen alles als „das ist eben so“ an. Aber wurden jemals Passagiere befragt, ob sie bei nur zwei ganzen Tagen an Bord ein spezielles Abschiedsessen benötigen? Oder bestimmte Abläufe wie das Beklatschen der an Bord anwesenden Nationen in einer mehr als langatmigen Rede des Kapitäns gewünscht ist, so daß das Buffet erst gegen kurz vor halb zehn eröffnet wird? Es gäbe noch mehr zu sagen, doch würde das dann den Eindruck vermitteln, ich hätte mich überwiegend geärgert. Das ist keineswegs der Fall gewesen. Mir sind einfach nur viele Dinge aufgefallen …
Angenehme Unterhaltung
Während des Essens habe ich mich an diesem Abend vor allem mit dem Prof und dem neben mir sitzenden Amerikaner Jim unterhalten, weil Ed und Cindy wegen der Lautstärke schnell verschwanden. Nun erfuhr ich, daß er früher als Konstruktionsingenieur für Gas und Öl unterwegs war und daß er politisch durchaus nicht simpel denkt. Übrigens auch kein Trump-Befürworter. Langsam bekomme ich den Eindruck, daß Amerikaner, die gern reisen, trotz ihrer unterschiedlichen politischen Haltungen alle gemeinsam Trump ablehnen. Außerdem haben sie alle mehr oder weniger Angst vor dem Schaden, der nun angerichtet werden kann. Sie wissen auch deutlich mehr von der Welt als die, die nie reisen.
Doch das ist ja überall gleich: Wer reist, kann fast nicht verhindern, sich auch anderen Dingen gegenüber zu öffnen. Wer nichts anderes als seine unmittelbare Umgebung kennt resp. kennen lernen will (manche können nur mittels Internet etc. „reisen“), der bleibt meist limitiert in seinem Verständnis für andere Sprachen, Kulturen, Interessen, Werte …






