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"Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, die die Welt nie angeschaut haben." – A. v. Humboldt

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Gletscher und Eisschollen (18.1.2017)

Posted on Januar 18, 2017Mai 23, 2026 by hobbit

Auf dem Weg zum ersten Gletscher: Amalia Gletscher

Die erste Nacht auf dem Schiff war durchwachsen, weil es vorn am Bug doch etwas schäumte und der Motor gewöhnungsbedürftig ist. Ab 8.00 Uhr gab es dann Frühstück, um 8.30 Uhr waren allerdings schon keine Früchte mehr da (ok, ich hatte mich reichlich bedient, aber man legt doch wohl nach, oder?). Bereits während unseres ersten Mahles des Tages nähern wir uns dem zweiarmigen Gletscher Amalia, dessen einer Arm „wächst“, doch nur scheinbar. Sein mittlerer Teil gleitet nur schneller abwärts, weswegen er an Höhe verliert und sich nach vorn schiebt. Insgesamt aber taut auch dieser Gletscher. Das zum Thema Klimaveränderung…

Wetter

Es ist Grau in Grau und – ja, es regnet. Dünner, durchdringender Nieselregen, der durch die Fahrtbewegung von Schiffen, kleinen wie großen, noch unangenehm verstärkt wird. Kein Wunder, daß ich nach dem Landgang von oben bis unten naß bin… Da helfen die wasserdichten Hosen – gut, daß ich die Regen-Fahrradhosen mitgenommen habe – und meine Superjacke nur begrenzt, wenn sich die Schuhe dafür so langsam vollsaugen. Doch das ist ein Vorgriff.

Ausschiffen

Gegen neun erhalten wir erstmalig Schwimmwesten und werden in die kleinen Boote verladen (ca. 35 Personen pro Boot), um ans felsige und steinige Ufer zu gelangen. Auf dem Weg begrüßen uns zwei Delphine, verschwinden jedoch auch schnell wieder, als wir uns dem Ufer nähern.  Dort haben zwei arme Mannschaftsmitglieder bereits eine Landungsbrücke installiert, die jeweils eines unserer Boote und das trockene Land verbindet. Um sie jedesmal anzulegen, stehen die beiden bis zu den Knien im Wasser. Selbst mit ihrer Schutzkleidung dürfte das kaum angenehm sein, da das Wasser als Gletscherwasser ziemlich kalt ist und wir drei Boote insgesamt brauchen. Bis alle, die wollen und können, an Land sind, stehen sie ganz schön lange im Wasser.

Ein Spaziergang über Geröll und Fels

Ich kümmere mich um Ed, da Cindy krank ist und er unsicher läuft und entsprechend sturzanfällig ist. So „kriechen“ wir den anderen hinterher, die unter Führung eines Mannschaftsmitgliedes in Richtung Gletscher aufgebrochen sind. Aber eigentlich ist das ganz gut so, denn so haben wir bessere Sicht. Nur das langsame Gehen gefällt meinem Rücken nicht so. Irgendwann wird es doch zu haarig für Ed und ich lasse ihn auf einem Stein zurück. Er ist gut eingepackt und der Regen dürfte ihm nicht allzu viel anhaben können. Ich hopse den anderen hinterher, die Schlange stehen, um sich an einem Felsen vorbei und auf einem Trittsteinpfad im Wasser dem Amalia-Gletscher noch weiter zu nähern. Also gar nichts verpaßt.

Sehen und Hören des Gletschers

Als ich an der Reihe bin, weiche ich den helfenden Crewhänden eher aus und erreiche trotzdem – jedenfalls von unten – trockenen Fußes das nächste Wegstück. Ein paar Schritte weiter und wir sind am Ende, jedoch nicht etwa direkt vor dem Gletscher angekommen. Dazu müßten wir schwimmen, wie sich nun herausstellt. Und doch sind wir dem Gletscher schön nah, um seine Aushöhlungen, Risse, Vertiefungen, bizarre Formen und Abspaltungen genau zu sehen. Und wir können immer wieder ein Krachen und Knacken hören, wenn sich der Gletscher rührt. Wie ein riesiges Tier im Winterschlaf, das sich manchmal rührt oder einen Schnarchlaut von sich gibt. Und danach kalbt er manchmal, wobei die Stücke größer oder kleiner ausfallen. Es ist aber eher ein Abrutschen als ein Abbrechen. Auch das scheint mir ein Zeichen des langsamen Tauens zu sein. Und wenn dann die Bruchstücke ins Wasser platschen, entstehen eine kleine Fontäne, Wellengang und ein lautes Splash-Geräusch. Trotz der großen Gruppe hält sich erfreulicherweise die menschliche Geräuschquelle in Grenzen, so daß wir wirklich einiges hören können.

Ein Gletscher kalbt

Dreht man sich während des Beobachtens etwas, erhascht man Blicke auf Eislawinen, polierte, farbige Felsen, die Eisschollen im Gletscherwasser vor dem Gletscher und die umliegenden Moränen, die entlang des ehemaligen Gletschers vollkommen glatt poliert sind. Hier wachsen nur Bodendecker, Moose und andere Niedriggewächse. Ein karge Landschaft mit ihrem eigenen Charme.

Rückweg

Da wir einen Terminplan einzuhalten haben, kehren wir nach einiger Zeit am Gletscher um. Doch eigentlich stört das niemanden, weil wir alle mehr oder weniger durchgeweicht sind. Also geht das ganze Prozedere zurück los. Allerdings weiche ich dem Anstehen aus und klettere (unerwünschterweise, aber keiner hat es gesehen) über einen Felsen zurück und hole Ed ab. Mit ihm gehe ich dann langsam zurück. Er hat sich gut gehalten und verliert nie seinen Humor, auch wenn es ihn wurmen muß, nicht mehr überall hinlaufen zu können. Wir sind schließlich unter den ersten, die zurück zum Schiff gebracht werden, wo ich Ed wegen der zwei Treppen noch bis zu seinem Deck begleite. Wir werden nämlich immer auf dem zweiten Deck von unten, also meinem (und dem Eßraumdeck), in die kleinen Boote verfrachtet, er hat aber mit Cindy eine Kabine im vierten Deck. Im Anschluß lege ich mich in meiner Kabine trocken, z.B. meine Schuhe auf die Heizung, da ich ohne sie aufgeschmissen bin. Doch sehr viel Zeit zum Trocknen der Kleidung bleibt nicht, denn der nächste Gletscher wartet schon auf unseren Besuch.

Und der zweite folgt sogleich: El Brujo Gletscher

Beim nächsten Gletscher (El Brujo) gehe ich allein von Bord, da Ed meint, er könne den Gletscher gut vom Schiff aus aufnehmen. Damit sollte er recht behalten, denn auch meine Sicht war letztlich nicht so viel besser, nur weil ich etwas näher, dafür aber tiefer, auf einem Felsen vor dem Gletscher stand. Es bleibt auch gar nicht viel Bewegungsraum, da die Crew eigenwillige Ausflüge unterbindet (wegen der Rutschgefahr auf den polierten Felsen). Doch auch hier gibt es wunderbare Eisformationen zu bestaunen und gleichzeitig den Regen und die dunklen Wolken zu verfluchen, weil keines der Bilder so richtig toll aussieht. Auch wenn ich weiß, daß man die Blautöne der Gletscher am besten bei bewölktem Himmel sehen kann, wäre ich doch für einige Sonnenstrahlen und vor allem das Ausbleiben des hartnäckigen Regens dankbar gewesen. Aber was soll‘s? Schön bleibt schön, auch ohne eine extraschöne Kulisse.

Mit einem kleinen Eisbrecher durch den Calvo Fjord

Nach dem zweiten Gletscher setzen wir unsere Fahrt erneut fort. Dieses Mal trockene ich meine Schuhe in der Lounge unter der Heizung, während meine Füße die Heizung von oben belegen. Nicht ganz fein, ich weiß, aber warm! Außerdem kann ich dabei ein Spezi genießen und in Ruhe lesen, da die anderen beim Tee sitzen. Noch eine Mahlzeit pro Tag und Massenlärm? Nö, es geht auch anders.

Calvo Fjord

Am späten Nachmittag erreichen wir den Calvo Fjord, m.E. das Highlight der Tour. Hier reihen sich die Gletscher unterschiedlichster Formate aneinander, begleitet von zahlreichen Wasserfällen und einer relativ dichten Eisschollendecke. Deswegen müssen wir nun auch auf einen Mini-Eisbrecher („Capitan Constantino“) umsteigen, der hier vor Ort liegt. Cindy geht es inzwischen gut genug, um mit mir gemeinsam zu dieser Tour aufzubrechen. Insgesamt fahren wir etwa zwei bis zweieinhalb Stunden im Fjord verschiedene Punkte an, zuerst begleitet von Delphinen, dann in Sichtweite von Kormoranen und Seelöwen.

Im Eis unterwegs

Eis-b-r-e-c-h-e-n

Während der Fahrt ruckt es immer wieder kurz, da das Boot eine Eisscholle oder einen Mini-Eisberg durchtrennt. Die Eisschollen aller Größen und teilweise mit einigen größeren Bruchstücken oben darauf gleiten an uns vorbei. Das Wasser schimmert in zahlreichen Farben von schwarz bis grünblau. Es bildet sich ein dünner Nebel über dem Wasser. Oder sind es extrem tiefhängende Wolken? Der Fjord ist mal deutlich zu sehen, mal nur noch verschwommen. Das Eis leuchtet manchmal in einem unbeschreiblichen Blau von innen heraus. Die Landschaft wirkt verwunschen und unberührt, jedenfalls wenn man sich die Menschen in dem Boot wegdenkt.

„Eventkultur“ läßt grüßen

Es gibt jenseits der Namensnennung der Gletscher keine Erklärungen, sondern nur ein Event (Whiskeyglas der Firma Skorpios mit Gletschereis und Getränk der Wahl gefüllt, gemeinsames Anstoßen) und ein Fotoshooting vor einem Wasserfall. Der Bordfotograph/-filmer soll eben auch ein wenig Geld verdienen dürfen. Klar, daß wir uns daraus nichts machen. Schade nur, daß wir dadurch den Wasserfall nicht richtig zu sehen bekommen. Doch Cindy und ich schauen uns einfach noch ein wenig mehr die Eisformationen im Wasser an, auch wenn es langsam kalt wird. (Es regnet nämlich, falls jemand etwas anderes angenommen haben sollte, irrt er. Und auch wenn dieses Boot ein Dach und sogar einen mit Seitenwänden ausgestatteten Bereich hat, wird es mit der Zeit ziemlich frisch.)

Schließlich kehren wir zu unserem Schiff zurück, das kaum noch zu sehen ist. Hier tollen wieder die zwei, drei Delphine um uns herum. Doch sie sind wie immer zu schnell, um sich ablichten zu lassen. Ich habe es längst aufgegeben und erfreue mich stattdessen daran, sie live zu sehen. Wieder an Bord hänge ich wieder alles zum Trocknen auf und lege mich ins Bett, um in Ruhe zu lesen. Viel Zeit bleibt nicht, denn das Abendessen muß besucht werden…

Ausklang des Tages: Dinner

Fassen wir das Abendessen doch jetzt etwas kürzer zusammen: Joah, er hat es endlich halbwegs kapiert. Wer? Na der Ober unseres Tisches. Ich bekomme doch tatsächlich etwas Vegetarisches, was man essen kann…

NP O’Higgins (17.1. – 20.1.2017)
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