Im doppelten Sinne ausgestorben
Tja, heute war der eine große Feiertag (25.12.2016) hier, jedenfalls aus der Sicht der Öffnungszeiten und Menschen auf der Straße. Anders als in Deutschland bemerkt man an normalen Sonntagen und Werktagen kaum einen Unterschied im Straßenleben, doch heute war einfach alles geschlossen. Ok, ok, es gab ganz wenige Ausnahmen, aber die mußte ich ganz schön suchen.
Auf nach Gaiman
Nach einem südamerikanischen Frühstück – mit echter chocolate caliente aus aufgeschäumter heißer Milch und einem Stück Schokolade, einem echten Orangensaft und vier fracturas (croissantähnliches Süßgebäck) – und einem An- und Ausgespräch mit Auroville in Indien lief ich zum Busbahnhof und erwarb ein Hin- und Rückticket nach Gaiman, einem Mini“städtchen“ (knapp 5.000 Einwohner) walisischer Siedler. Es liegt im Tal des Rio Chubut (walisisch: Dyffryn Camwy), etwa 15km westlich von Trelew (ausgesprochen: Treleo, habe ich heute gelernt). Gaiman wurde 1874 gegründet, erhielt 1885 Stadtrechte und wurde 1908 durch eine Eisenbahnlinie mit Trelew verbunden. Heutzutage wird immer noch neben spanisch von zahlreichen Einwohnern walisisch gesprochen. So, das zu den harten Fakten, da der Ort keine Erwähnung in der Extraliste findet.
Fahrt durch das Chubut-Tal
Ich wollte weniger in das Dorf, um dort Tee zu trinken, als vielmehr, um von dort in den paläoontologischen Park aufzubrechen. Nach eingehendem Studium der Internetseite schien das eine der wenigen Ausflugsflugsmöglichkeiten zu sein, die sich am heutigen Día cerrado boten. Klar, das Dino-Museum hier in Trelew war geschlossen (s. Internetseite), doch der Park hatte keinen derartigen Vermerk. Aber dem Leser wird an meiner Wortwahl aufgefallen sein, daß hier nur ein kleiner, unbedeutender Fehler auf der Website vorlag: Auch der Park schloß sich dem allgemeinen Bemühen um Totenstille an.
Doch das erfuhr ich erst nach einer wunderschönen Fahrt in einem fast leeren Bus durch einen Abschnitt des Chubut-Tals zwischen Trelew und Gaiman. Kurz nach dem Verlassen von Trelew war die Straße nur noch ein ripio, d.h. eine schmale Fahrspur, die mit Steinen befestigt (haha, von wegen befestigt) ist. Man könnte auch sagen, die Steine markieren, wo man lang fahren soll, andere Wegweiser gibt es nämlich nicht. Aber das Tal ist wirklich reizvoll. Es ist grün (!), es gibt ein paar Bäume (im Gegensatz zur Pampa drumherum) und ab und zu eine walisische Kapelle. Außerdem lässt sich immer noch das Bewässerungssystem erkennen, das ursprünglich von den Walisern eingeführt wurde und damit die Bewirtschaftung dieser Region überhaupt erst ermöglichte. Und auf den Wiesen zwischen den Feldern tummeln sich Schafe und Rinder. Erstere stehen auch gern ganz nah am Zaun, doch türmen sie erschreckt, wenn der Bus über die Steine knirscht. Spätestens nach dieser einen Fahrt ist mir absolut klar, warum man beim Autoleihen unbedingt Steinschlag mitversichert haben sollte.
Gaiman – und was nun?
Ich stand nach einer 3/4h in Gaiman, lief und photographierte ein wenig herum und wußte nicht so recht, was ich den lieben langen Tag noch machen könnte. Auch die Essensversorgung geriet ins Visier meiner Überlegungen. Wenn alles geschlossen hat, dann leider auch die Örtlichkeiten zur Kalorienaufnahme. Was tun? Ein Geistesblitz: Ich befragte meinen Patagonien-Reiseführer. Und schlau wie Bücher nun einmal sind, riet er mir, doch nach Puerto Madryn zu fahren. In Kombination mit meinem Wissen (das ist der Touri-Anziehungspunkt für die Halbinsel Valdes) ergab das folgende Schlußfolgerung: Zurück nach Trelew, am Busbahnhof gleich in den nächsten Bus nach Madryn, dann dort essen und Touren für meine Reiseziele besorgen. Das ist doch ein Touristenort, da wird es mit Sicherheit nicht derartig ausgestorben zugehen. Auf gar keinen Fall…








Puerto Madryn – lebendig ist anders
Wenn auch sonst heute nicht so viel ging, die Busse fuhren regelmäßig, zuverlässig und vor allem immer dann, wenn ich mit ihnen fahren wollte. Also gelangte ich gegen halb drei nach Puerto Madryn und – es war auch hier fast alles ausgestorben. Als ich mich jedoch dem Strand näherte, gab es immerhin an der Promenade viele Einheimische, die ihren freien Tag genossen. Allerdings gingen meine sonstigen Überlegungen leider nicht auf, da auch hier nahezu alles geschlossen war. Mit nur noch geringer Hoffnung ging ich zur Touristeninformation – in Gedanken an meine Erfahrung gestern in Trelew.
Aber es geschehen Zeichen und Wunder, denn sie war geöffnet und mit vier freundlichen Mitarbeiterinnen besetzt, die mich alle gleich erwartungsfreudig ob meiner Fragen anschauten. Meine erste Frage, ob jemand englisch könne, wurde mit „a little“ beantwortet und ich wandte mich der Antwortenden zu. Nun ja, letztlich kommunizierten wir eher auf Spanisch. Sie sprach meist nur Spanisch und ich half mir mit Englisch, wenn es auf Spanisch gar nicht gehen wollte. Aber endlich hatte ich Zeit, mein kümmerliches Spanisch langsam in Schwung zu bringen. Und irgendwie ging es nun endlich ein wenig…
Mit einigen neuen Informationen verließ ich das Büro und wandelte bis zur nächsten Ecke, an der ich auf den einzigen Tour-Operator traf, der in ganz Madryn zu dieser Zeit geöffnet hatte. Und auch hier ging es auf Spanisch hin und her. Da aber sein Englisch wohl noch um Längen schlechter ist als mein Spanisch, war der Mitarbeiter sehr geduldig und ermutigend. Wir einigten uns auf eine Tour (dazu morgen mehr) und eine zweite buche ich evtl. auch noch bei dieser agencia, wenn es mir morgen gut gefällt. Jetzt blieb nur noch der Hunger…
Inzwischen war die Sonne endgültig hinter den Wolken verschwunden, es frischte auf und ich bekam schlechte Laune: Hunger und „Kälte“, nein! Suchen, suchen, suchen und heureka, da fand ich doch glatt ein Was-auch-Immer. Ich konnte jedenfalls etwas zu essen bestellen, na logo auf Spanisch. Sehr schön, heraus mit dem Wörterbuch. Der Kellner wollte mir etwas schmackhaft machen, von dem ich mir recht sicher war, daß es zu den Fischen gehören müßte, da es in einer Spalte mit von mir als Fischzeug erkannten Gerichten stand.
Er verneinte dies, aber er hat nicht mit meinem Wörterbuch in Buchform gerechnet. Und da stand es schwarz auf weiß: Seehecht. Definitiv Fisch! Überführt! Wir feilschten also weiter, denn es gab leider keine Karte. Am Ende nahm ich pollo parilla en una crema con vegetables. Estaba muy rico! Aber eins wird langsam deutlich. Wenn das so weitergeht, werde ich hier zu einer Atkinson Diät gezwungen. Soviel Fleisch wie in dieser einen knappen Woche esse ich sonst bestenfalls auf einen gesamten Monat verteilt. Doch mit Gemüse oder Obst ist es hier in den Lokalitäten eher Essig. Im Anschluß an mein Mahl tappte ich durch Nieselregen – brrr – und fuhr zurück nach Trelew. Und morgen muß ich verdammt früh aufstehen…






