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"Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, die die Welt nie angeschaut haben." – A. v. Humboldt

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Colonia del Sacramento (22.-23.12.2016)

Posted on Dezember 23, 2016Mai 23, 2026 by hobbit

Allgemeine Informationen zu Colonia del Sacramento

  • Lage: am Río de la Plata gelegene Kleinstadt
  • Einwohner: ca. 26.500
  • Gründung: 1680
  • Unterkunft: Posada El Viajero

Colonia del Sacramento ist die älteste Stadt Uruguays, ihre (koloniale) Altstadt wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Mit dem Bus durch Uruguay

Des Morgens ganz früh erwacht – hatte ein Bus zu laut gebremst? – las ich Nachrichten, E-Mails etc. und war schon bald wieder müde. Das Frühstück war auch nicht gerade belebend: Kein Kakao-Pulver für einen chocolate caliente, die Melone nicht mehr nachgelegt, das Ei oll. Irgendwie ist das ja klar bei Leuten, die außer Kaffee und etwas Süßem nichts frühstücken. Danach stromerte ich noch einmal zum Hafen, um die blauen Fotos von gestern zu aktualisieren. Doch Pustekuchen. Heute kam ich gar nicht in das Hafengebiet hinein, da die beiden großen Luxusliner weg waren. Und nur aufgrund deren Präsenz bzw. wegen der Reisenden wird der Hafen punktuell für Touristen geöffnet. Glück und Pech in Einem. Gestern immerhin die blauen Fotos, heute kein Durchkommen. Die Wache des Heeres war da ziemlich eindeutig!

Dann aber checkte ich aus und schleppte alles bis zur Bushaltestelle um die Ecke, um bis Tres Cruces zu fahren, dem zentralen Busbahnhof. Dadurch bekam ich noch einiges von Montevideo zu sehen, was nach typischer Stadt aussah. Allerdings setzte sich auch hier der Mix aus kleinen alten, neokolonialen Bauten und modernen Gebäuden fort, so dass das Bild irgendwie immer unruhig war. Am Bahnhof staunte ich wenig später nicht schlecht, weil es sich bei dem Bahnhof zuerst einmal um ein großes Einkaufscenter handelt, in dem im Untergeschoss auch die Buslinien und die „Bahnsteige“ untergebracht sind. Also Ticket gekauft und direkt vor dem Bahnsteig auf meinem Rucksack niedergelassen, dabei Hörbuch gehört.

Irgendwie ging es mir heute nicht so gut: müde, leicht übel, verspannt. Doch schon kam pünktlich der Bus. Wie mir aus Chile und Bolivien vertraut, musste ich auch hier mein Gepäck mit einem Bändchen versehen lassen, damit nachher auch ja keiner meinen Rucksack als den seinen ausgeben kann. Im Prinzip ist das sicherlich sinnvoll, aber es dauert. Und dann kam der Würg-Schock, als ich in den Bus einstieg. Keine Ahnung, was die „spritzen“, um die Luft „angenehm“ zu machen, aber es riecht entsetzlich nach einer Überdosis von diesen Dingern, die man früher im Raum aufstellte, um einen frischen Duft zu erreichen. Echt gräßlich.

Auf der Fahrt sah ich vor allem, was ich von Uruguay gelesen hatte: Pampa, wenige Bäume, viele Rindviecher, wenige Siedlungen, kaum Verkehr, einige interessante Vögel. Meine Müdigkeit wuchs ins Unerträgliche, Erschöpfung machte sich noch breiter als zuvor, wenn das überhaupt noch möglich war. Fragt sich nur, wovon?

Erster Eindruck von Colonia

In Colonia del Sacramento anzukommen heißt kurz durch den neuen Teil zu fahren, um sehr schnell am Busbahnhof gleich neben dem Fährschiffterminal die Fahrt zu beenden. Das hier alles so klein ist, hätte ich mir nicht so vorgestellt.

Gepäck geschultert und losmarschiert. Dieses Mal hatte ich vorsichtshalber vorher die Karte via Internet konsultiert. Eigentlich ist die Strecke nicht lang, die ich zurücklegen musste. Doch mein Gepäck …, aber das wissen wir ja nun. Im Hotel wieder einmal auf Spanisch geradebrecht und mein Zimmer bezogen. Total bescheuerte Lage, kann ich nur sagen. Im Erdgeschoss, direkt am Innenhof, mit Fenstern zu eben diesem, auf daß jeder bei mir hineinschauen kann und ich auch ja niemanden verpasse, der gerade vorbeigeht.

Jetzt am Abend scheint es zwar zu gehen, aber vorhin saßen hier zwei Karten spielend und die eine summte Weihnachtslieder. Ich bin bald irre geworden und habe meine Kopfhörer aktiviert. Wenn mir nach eins nicht ist, dann nach Weihnachten. Hier sieht man zwar einige geschmückte Bäumchen in den Häusern, aber nee, bei dem Wetter geht das einfach nicht. Ach und noch was zum Hotelzimmer: Auch hier herrscht derselbe widerliche Geruch wie im Bus. Inzwischen habe ich zwei Stunden gelüftet, aber der beißende „Duft“ bleibt.

Zurück zum Nachmittag! Mein Hotel liegt fast direkt neben der alten Stadtmauer. Also inspizierte ich diese zuerst, dann die Straßen, den Leuchtturm (Wahrzeichen der „Stadt“), die Plätze und vor allem die Restaurants. Irgendwie nagte der Hunger, obwohl ich eigentlich nicht immer essen gehen wollte. Doch selbst wenn ich wollte, könnte ich mich hier kaum anders ernähren, weil ich noch keinen Supermarkt oder einen etwas besser bestückten Miniladen finden konnte. Schließlich entschied ich mich für ein traditionelles Restaurant direkt gegenüber der Kathedrale. Das Essen – Noquis con salsa de vegetables – war wirklich gut, nur wie immer zuviel und vor allem leider mit Zucchini. Aber ich bin schon immer sehr unermüdlich darin gewesen, die Dinge, die ich nicht mag, auszusortieren. Also was sollte es? Dort erholte ich mich ein wenig, spazierte danach wieder umher und bestieg den Leuchtturm.

Inzwischen war sogar die Sonne ab und zu zugegen, so dass ich von dort oben einen herrlichen Ausblick genießen konnte. Anschließend saß ich ein wenig am Meer, schlenderte dann in Richtung Fährhafen (eigentlich wollte ich schon das Ticket für morgen kaufen, aber ich ließ es aus verschiedenen Gründen bleiben), wobei ich auf eine Ernennungszeremonie des neuen Kommandaten der Praefectura stieß. Schon interessant, wie unsportlich einige Soldaten (beiderlei Geschlechts) im uruguayischen Militärdienst sein dürfen. Sie können unmöglich alle in der Küche oder beim Sanidienst sein.^^

Und noch ein bißchen mehr

In der Nacht hat es sehr stark gewittert, das begleitende Lüftchen war sehr angenehm. Doch ist es dadurch nicht wirklich deutlich abgekühlt. Übrigens muß ich mein Urteil über die Lage meines Zimmers etwas revidieren, da die anderen Gäste über eine andere Treppe in ihr Zimmer gelangen können und den Innenhof gar nicht frequentieren. Allerdings fiel mir heute morgen ein anderer Schwachpunkt auf: Mein Zimmer liegt direkt neben der kleinen Küche, so daß ich um sieben nahezu senkrecht im Bett saß, als sich zwei lautstark über ihre Arbeit in der Küche unterhielten. Selbst schuld, ich hatte mein Fenster offengelassen.

Tagsüber in Colonia

Das sich in seiner Qualität vermutlich nicht mehr allzu sehr verbessernde Frühstück zwingt mir Anpassungserscheinungen ab. Bloß nicht zu viel morgens essen, denn es ist eh nicht so geschmackvoll. Und immer diese süßen, jedoch oft auch trockenen oder gar nur klebrigen Sachen! Aber auch das wußte ich vorher. Ich muß mich daher nur um ein paar Nahrungsergänzungsmittel kümmern, das ist alles. Doch dunkles Brot werde ich kaum jemals finden (Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel). Jedenfalls zahlte ich nach dem Frühstück mein Zimmer mit der Karte (übrigens war das entgegen der sonstigen Regel teurer als in bar), verstaute meine Sachen außerhalb meines Zimmers und ging an den „Strand“. Dort fand ich auf den Felsen einen wunderschönen Sitzplatz, der wie für mich gemacht schien. Die nächsten zwei bis drei Stunden genoß ich einfach die leichten Wellen, das Rauschen, die Stille – nein, das ist nicht kontradiktiv: Dank des Rauschens der Wellen konnte ich alles andere – vor allem Gespräche von Vorbeikommenden – ausblenden. Herrlich, kann ich nur sagen! So konnte ich endlich mal wieder in Ruhe denken, mich so ganz einigen Überlegungen widmen, ohne stets abgelenkt zu werden. Gleichzeitig war die Sonnenwärme sehr angenehm und entspannend.

Am frühen Nachmittag trollte ich mich in die Einkaufsstraße, um mich mit Verpflegung für den Tag und die anstehende Weiterfahrt auszustatten. Nach einem Kassensturz entschied ich, auf das Essengehen zu verzichten, da ich nicht mehr so viel Bargeld besaß (aber zuviel, als daß man es einfach aufheben möchte). Also erwarb ich eine – sagen wir mal – Sechstel- oder Achtelmelone, Bananen, dunkles Brot (jaja, ehrlich) und etwas in der Art von Schmelzkäse mit Geschmack. Einiges davon ließ ich mir im Innenhof meiner Posada schmecken, anderes blieb in der Tüte für die Weiterreise. Danach schlenderte ich nochmals los, konnte mich aber leider kein zweites Mal auf meinem Felsen niederlassen, da die Sonne inzwischen den längeren Aufenthalt vor ihrem Antlitz mit leichtem Dusel belohnt hatte. Doch ich fand eine schattenspendende Palme und traf dabei auch meinen Freund, den Reiher, wieder, wie er so durch die leichten Wellen stolzierte und jagte. Doch schließlich mußte ich zur Fähre aufbrechen – puh, das Gepäck etc. etc. – und damit Uruguay verlassen.

Quintessenz Colonia

Das Städtchen ist winzig und zu dieser Zeit eher nicht überlaufen. Das ist für uns paar Touris ganz schön, doch die Restaurants dürften zu kämpfen haben. Interessant ist, daß man die Grenzregion bereits daran erkennt, daß die Preise bzw. Umrechnungskurse oft in Uruguayos, Reales, Arg. Pesos, Dollern und Euros angegeben werden. Auch die Karten sind dreisprachig (spanisch, brasilianisch und englisch), doch das ist auch in Montevideo oft so. Ansonsten fühlen sich hier Fischer und Segel- bzw. Yachtbesitzer sehr wohl. Und doch sieht man den graduellen Verfall. Einige Häuser werden als Schuldverkauf zum Kauf angeboten, andere hätten Reparaturen dringend nötig. Immerhin gibt es inzwischen ein Klärwerk – ich habe es von oben inspiziert – und eine regelmäßige Mülleinsammlung. Colonia bietet sich für ein, zwei Tage zur Entspannung an, doch länger kann man es wahrscheinlich dort nur aushalten, wenn man etwas zu tun hat. Um alle Straßen einmal abzulaufen, braucht man vielleicht ein bis zwei Stunden…

Aufbruch zu neuen/ alten Ufern

Mit dem Fährschiff der Firma Buquebus geht es nach Buenos Aires, um dort mit einem Shuttle zum außerhalb gelegenen internationalen Flughafen zu kommen. Gut, dass ich schon einmal in BA war und deshalb gerade diese Örtlichkeiten gut genug kenne, so dass auch des nachts nichts schiefgehen dürfte. Insgesamt wird das sicher eine anstrengende Nacht auf dem Flughafen, so ganz ohne Bett, Bequemlichkeit und Ruhe…

Quintessenz Uruguay

Inzwischen weiß ich einiges mehr über das Land Uruguay (República Oriental del Uruguay), seine Geschichte und auch ein wenig über seine Einwohner. Hier nur einiges in absoluter Kürze:

  • Die Einwohnerzahl in Uruguay stagniert (aus verschiedenen Gründen wie Abwanderung, geringe Geburtenrate) seit Jahrzehnten, deswegen sind Einwanderer sehr willkommen.
  • In die Bildung wird viel investiert, z.B. durch kostenfreie PCs an die Schüler.
  • Auch die Universität ist kostenfrei, aber – und das ist eine wirklich gute Einrichtung – nach dem Abschluss des Studiums muss man monatlich eine Steuer (5% des Einkommens) zahlen, sobald man einen Arbeitsplatz im studierten Bereich gefunden hat. Eine kleine Lücke bleibt allerdings: Wenn man etwas abschließt, dann aber nie darin arbeitet, erhält der Staat auch nichts zurück.
  • Es gibt viel zu viele ältere Einwohner (wegen der gestiegenen Lebenserwartung), so dass deren Rente kaum gezahlt werden kann (zu wenige Nachkommen).
  • Es gibt ein privates und ein öffentliches Gesundheitssystem. Man darf wählen. Das öffentliche steht auch jedem Touristen offen, der nichts bezahlen muss.
  • In Uruguay wurde als erstem Land der Welt die Sklaverei abgeschafft. Auch das Frauenwahlrecht wurde hier früher eingeführt als z.B. in Großbritannien.
  • Sie kämpfen mit Korruption, aber da es so wenige Einwohner gibt, gibt es fast so etwas wie persönliche „Kontrolle“ und nur ein gemeinsames Regierungsgebäude. So ist dann wenigstens das Bestechen einfach, wenn man nur von Tür zu Tür gehen muss.
  • Das Land hat wenig für Religion oder Fanatismus übrig. Anders als sonst in Südamerika ist der katholische Glaube max. zu zwei Dritteln verbreitet, von denen wahrscheinlich wieder die Hälfte nur Nennkatholiken sind. Kein Wunder, dass sich hier die katholischen Kirchen in einem ungewohnt heruntergekommenen Zustand befinden. Aber auch politisch ist Uruguay sehr gemäßigt: Was hier als rechts gilt, entspricht in anderen südamerikanischen Ländern eher der Mitte.
  • Frauen sind überall vertreten, auch im Heer.
  • Uruguayer lieben Barzahlung. Das geht soweit, dass man einen Preisnachlass erhält, wenn man mit einer Kreditkarte zahlt.
  • Außerdem geben Uruguayer ungern ihr Geld aus, schon gar nicht, wenn etwas noch funktioniert. U.a. auch deswegen fahren hier Autos herum, die nicht nur uralt (30-40 Jahre), sondern auch vollkommen heruntergekommen sind. Jedenfalls aus europäischer Sicht. Hier gilt: Wenn das Auto fahren kann, ist es gut genug.
  • Weihnachtsbrauch: Am Heiligabend wird zu Mittag jedem eine Flasche von irgendetwas Alkoholischem (?) in die Hand gedrückt. Es ist das Ziel, den Inhalt der Flasche so schnell wie möglich auf andere zu versprühen/ zu verteilen. Danach säubert man sich gegenseitig, um sich höflich zu zeigen. So jedenfalls der Guide. Gut, dass ich das nicht live erfahren muss.
Montevideo (20.12.-22.12.2016)
Trelew (24.-29.12.2016)
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