Das Schlafproblem (Grund für die verzögerten Berichte, sry) wurde also nur noch größer, da die Disko bis um 3 Uhr ihre Bässe erdröhnen ließ. Nun kamen aber noch Dauerkopfschmerzen hinzu, die auch mit den bewährten Mittel nicht mehr auszuschalten waren. Vollkommen gerädert stand ich früher auf als notwendig, um mich auf meinen Trip zu den Vulkanen vorzubereiten. Der Treffpunkt lag nicht allzu weit entfernt und sollte um 6.40 Uhr erreicht sein. Also verließ ich – im Roman hieße es: mit blutunterlaufenen Augen – mein Zimmer recht früh, um noch kurz in der Rezeption nach etwas Obst – Vorgriff auf mein bezahltes Frühstück – zu fragen. Den Typen dort kannte ich schon. Ich klagte ihm mein Leid und bat um besagtes Obst. Er tat sein Bestes, aber er konnte nur zwei seltsame Orangen auftreiben. Schließlich gab er mir sein eigenes Essen, eine Pampelmuse (toronja). Er war wirklich äußerst hilfsbereit und wir tauschten uns noch darüber aus, wo ich zu Obst kommen könnte. Bleibt festzuhalten: nicht im historischen Zentrum und beim gar nicht zu weit entfernt liegenden Markt sollte ich nur ja vorsichtig sein, weil ich als Ausländer vor Diebstählen oder anderem nicht sicher sei. Ein Blick auf die Uhr sagte mir jedoch, daß ich mich nun sputen mußte.
Am Treffpunkt fand ich überraschend viele Menschen vor, aber es stellte sich schnell heraus, daß hier mehrere Touren ihren Abholort haben. Guide und Fahrer waren pünktlich, andere Teilnehmer saßen schon im Minibus. Um Punkt 7 Uhr ging es dann los. Etwa zwei Stunden Fahrt standen uns bevor, bei der ich viel von der Stadt sah. So saß ich auf meinem Einzelplatz, lauschte meiner Musik und schaute neugierig hinaus. Die wenigen Erklärungen, halt nein, eigentlich überhaupt keine Erklärungen zu den Vulkanen, bekam ich trotzdem mit. Ein kurzer Zwischenstop mit der letzten Möglichkeit eines „normalen“ bano hielt uns kaum auf, so daß wir recht zügig vorankamen. Schließlich kurvten wir auf einer engen Straße hinauf und hinauf, bis wir einen Aussichtspunkt auf den Popocatepetl, „der immer schäumt“, erreichten. Sehr zu meinem Genuß rauchte bzw. schnaubte er dann auch tatsächlich etwas, was cool aussah. Allerdings bemerkte ich, daß die Kopfschmerzen zu einem ärgerlichen Problem werden würden, wenn wir hier von 3900 auf 4400m klettern wollen würden. Kopfschmerzen zu haben, ist keine optimale Voraussetzung, um der Höhenkrankheit zu entgehen. Schon eine schnelleres Annähern an den Bus ließ meinen Kopf fast explodieren. Noch ein Tablettchen also…
Im Anschluss fuhren wir mit unserem nicht geländefähigen Minivan über eine Schlaglochstraße, die es in sich hatte, bis wir den Ausgangspunkt für unsere Wanderung erreichten. Nach dem Aussteigen schien es zunächst mit dem Kopf wieder zu gehen (und für die Luftaufnahme hatte ich meine Lungen mit dem Spray vorbereitet). Wir begannen langsam den Aufstieg auf einem schmalen Pfad, auf dem uns immer wieder einige entgegenkamen, die sogar bis auf die Spitze des Vulkans (Itzlipochtli (?) – die schlafende Frau) in 5400/5600m Höhe geklettert waren. Dagegen war unsere Tour nur eine wenig anspruchsvolle Wanderung durch das Gelände. Tja, trotzdem blieben schnell einige zurück und kehrten um. Ich bemühte mich zwar sehr, an den anderen dran zu bleiben, doch in meinem Kopf hämmerte es und nach etwa einer Stunde ultralangsamen Aufstiegs wurde mir beim Gehen schlecht und etwas wirr im Kopf. Gegenüber den anderen behauptete ich zwar standhaft, daß es nur die Kopfschmerzen seien, aber mich hatte mal wieder die Höhenkrankheit erwischt. So ein Mist! Aber als ich davon das letzte Mal betroffen war, ging es mir ebenfalls nicht gut. Bei den anderen Malen, sogar höher als heute, hatte ich hingegen keine Probleme. Es liegt also nur an der Tagesfitness, jedenfalls bei mir.
Auf einem Grat warteten die anderen auf mich, wie ich von weiter unten sah. Ich mußte es doch schaffen! Ein paar Schritte gehen, Luft holen und wieder etwas Sauerstoff in die Beine bekommen, die Übelkeit abklingen lassen und weiter. Das wiederholte ich, bis ich endlich auch auf diesem Grat angekommen war und dann einfach nur auf einen Stein fiel und streikte. Die anderen sollten weitergehen, aber ohne mich. Ich ruhte mich aus, genoß die Aussicht und fror ein wenig, weil es da oben windig war, ohne daß es richtig windig gewesen wäre. Leider war es nicht still, weil immer wieder andere Wanderer und Bergsteiger vorbeikamen und hier pausierten. Tiere waren auch keine zu sehen – ganz anders als in Patagonien, aber dort gibt es ja auch nicht so unendlich viele Menschen. Nach genügend Erholung begann ich mit meinem langsamen Abstieg, der zuerst immer wieder von zurückkehrenden Übelkeit überschattet war. Eigentlich legte sich diese sogar bis zum Van nicht, aber es wurde besser. Wie immer, wenn man zu der für einen noch verträglichen Höhe gelangt. Es hätte eine so schöne Wanderung sein können, weil wir letztlich ja jeder für uns gehen konnten, doch nein, ich war von den durchwachten Nächten so platt, daß einfach nichts mehr ging.
Nachdem alle wieder beim Bus angelangt waren, fuhren wir zuerst auf der schauerlichen Straße – Übelkeit war noch nicht ganz weg – zurück und bogen dann auf die Bergstraße ein. Auf dem halben Weg hinunter ins Tal hielten für ein einheimisches Mittagessen, das auf traditionell arme Weise zubereitet wurde. Ich verzichtete und hatte dank der Übelkeit etc. eine angenehme Ausrede. Die anderen waren unterschiedlich angetan, aßen aber z.T. ganz gut, so daß die beiden Frauen wenigstens ein wenig verdient haben. Effizient kochen können sie ganz bestimmt, es sah nämlich so aus. Trotzdem war ich froh, nichts zu mir genommen zu haben. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Nach diesem Intermezzo setzten wir die Rückfahrt fort, brauchten jedoch wegen des hohen Verkehrsaufkommens zu dieser Zeit recht lange, bis wir in der Nähe meines Ausgangspunktes abgesetzt wurden. Ohne großes Verabschieden sprang ich aus dem Bus und verschwand in der Menge. Ich wollte mich nur hinlegen und meine Kopfschmerzen loswerden. Schon auf dem Weg ins Hostel faßte ich den Entschluß, etwas gegen mein Unwohlsein zu tun, d.h. die Unterkunft zu wechseln. Noch so eine Nacht und mein Urlaub würde mich in den Wahnsinn treiben. Ich recherchierte also via Internet und fand nach einiger Zeit ein Hotel, das schallschutzisolierte Fenster sein eigen nannte. Bei allen anderen Unterkünften in der näheren Umgebung gab es in den Bewertungen immer wieder den Hinweis auf Diskos, dünne Wände und geräuschintensive Nächte. Nicht mehr mit mir, dachte ich, und ging zum Hotel, wo ich direkt das Zimmer für die nächsten drei Nächte buchte. Wer billig kauft, kauft zweimal, gilt auch bei Unterkünften, aber ich hatte auch die Bauart der Mexikaner und deren Geräuschunempfindlichkeit unterschätzt. Interessant ist, daß schon das Buchen des Zimmers und die Aussicht auf eine ruhige Nacht mein Wohlbefinden gewaltig steigen ließen. Eins, zwei, drei war ich wieder im Hostel, warf meine Siebensachen zusammen, schulterte alles und checkte aus. In der neuen Unterkunft angekommen bewunderte ich dann das große Bad ohne seltsame Zusätze an den Armaturen und lauschte der Stille. Naja, Stille ist dann doch übertrieben, da auch hier die Wände dünn sind, aber die meisten Nachbarn verhalten sich recht ruhig. Doch von draußen ist kaum etwas zu hören. Ich ging nur noch einmal los, um etwas zu essen und Wasser zu holen. Auf dem Rückweg traf ich an der Kathedrale auf viele Leute, die hier gemeinsam einen Azteken-Tanz tanzten, und schaute ihnen eine Weile zu. Inzwischen ging es mir wieder ganz gut, selbst die elenden Kopfschmerzen waren weg. So ließ ich den Samstagabend, der für die Mexikaner der Abend in der Woche ist, gemütlich ausklingen und ging nach meiner Rückkehr ins Hotel gleich einmal eine Runde ungestört schlafen.