Nach dieser ersten Nacht in dem Hostel weiß ich nun, was hellhörig wirklich heißt. Man hört alles: Die Gespräche an der Rezeption, die Leute auf der Treppe, den Schnarcher nebenan, die Dusche von gegenüber, jede einzelne Tür und nicht zu vergessen die Discomusik von der Dachterrasse (7. Stock, ich im ersten). Mit dem Mittelchen und Kopfhörern konnte ich wenigstens drei Stunden am Stück schlafen. Aber dann ging es nur noch in kurzen Etappen weiter, wobei ich gleichzeitig immer steifer wurde von der unbequemen Lage mit den Kopfhörern. Morgens konnte mir die Fuseldusche auchnur kurzfristig helfen. Die üblichen Körperpartien konferierten ausführlich mit mir und mußte resolut zum Schweigen gebracht werden. Frühstück!
Naja, nette Idee, nur war ich zu früh dran. Also dann erst ein kurzer Trip zur Kathedrale und den Rest vom Flaggenhissen beobachten. Inzwischen war acht Uhr vorbei, also sollte es wohl Frühstück geben. Dieses war so leidlich, aber ich hatte immerhin keinen Hunger mehr. Im Anschluss holte ich meine Sachen – wegen des Zimmers (Raum mit Spind ohne Schloss und eher wackliger Tür) nahm ich die Wertsachen alle mit – und begann meinen ersten Rundgang durch das historische Viertel. Ich hatte Zeit, da die free walking tour erst um 11 Uhr an der Kathedrale starten sollte. Also lief ich so durch die Straßen und versuchte, mich einzugewöhnen.
Punkt 10.50 Uhr traf ich dann wieder an der Kathedrale ein und fand die Leute der Tour vor. Nach den üblichen knappen Formalitäten (Statistik, haha, aber meinetwegen, dieses Mal sogar mit einem falschen Namen meinerseits) odnete ich mich der englischen Tour zu, weil der junge Guide den redegewandteren Eindruck machte und ich ohnehin wohl kaum fit genug gewesen wäre, alles auf Spanisch zu verstehen (, das i.d.R. Obendrein ultraschnell gesprochen wird). Ich nehme mal etwas vorweg: Dies war eine sehr gute Entscheidung, weil Vlad, ja echt, ein Mexikaner mit dem Namen Vladimir (Vater überzeugter Kommunist), unglaublich viel weiß und dies auch alles mitteilen will, so daß er die Tour sogar zeitlich verlängert. Er verfügt über ein abgeschlossenes Studium in Geschichte und eine wirklich gute Allgemeinbildung.
La Catedral
Hier gab es einen kurzen und trotzdem informativen ersten Überblick über die Geschichte Mexikos bis zur Eroberung und ihren Auswirkungen. So erklärte Vlad uns ebenso die Symbole auf der mexikanischen Flagge (Adler auf Kaktus mit Schlange im Schnabel als Symbol für die Mexica (sich selbst so bezeichnend) = Azteken, sich in dem Tal von Mexiko City niederzulassen) wie auch den lebhaften Wechsel in der mexikanischen Politik im 19. Jahrhundert. – Mir wurde erst nach und nach klar, daß er mit Mexica die Azteken meinte und daß daher das Land auch Mexiko heißt. Diese enge, bis heute existierende Beziehung zwischen den Nahuatl sprechenden Azteken („die aus Aztlan kommen“) und der modernen Politik (seit Benito Juarez) muß man erst sehen und dann versteht man auch besser, warum hier überall noch so viele Nahuatl-Wörter und Bezüge zur aztekischen Kultur vorhanden sind (Tänze, Bräuche etc.), obwohl 1521 mit dem Sieg der Spanier (unter tätiger Mithilfe anderer indigener Stämme) die Azteken, Verzeihung, Mexica, mit ihrer Kultur nahezu ausgerottet wurden.
El Templo mayor
Wie bereits zu erkennen ist, erhielten wunderbar viele Informationen. Also muß ich mich kürzer fassen. Beim Templ mayor – um die Ecke der Kathedrale – erläuterte uns der Guide die Modelle des Tals von Mexiko City und Tenochtitlan (= Mexiko City, Gründung der Azteken) und gab uns dann auch eine Einführung in den Tempel von oben, da der Tempel extra so umbaut ist, daß man ihn gut sehen kann. Spätestens hier wurde auch ein großes Problem der Stadt sehr deutlich (neben den Erdbeben und der Billigbauweise moderner Häuser), nämlich das Absinken bzw. Versinken der Stadt. Tenochtitlan wurde in einem See auf einer Insel und künstlich herum angelegten Inselchen errichtet. Für die damalige Zeit war dies mit Sicherheit eine herausragende Bauleistung, doch leider bietet ein See nur einen begrenzt guten Untergrund für eine wirklich dauerhafte Bauweise. Und da die Spanier nach den Azteken noch ihre Gebäude auf die Anlagen von Tenochtitlan aufgesetzt haben – unglaublich, d.h. die Stadt müßte hier im Zentrum eigentlich etwa 50-60 m tiefer liegen – drückt nun ziemlich viel Baumasse auf den schlammigen Untergrund, so daß alle sinkt. Dies ist an vielen Häusern sehr deutlich zu sehen, weil sie schief stehen, Risse haben oder einzelne Teile abgesunken sind. Zu allem Übel sinkt hier selbstverständlich nichts gleichmäßig, denn dies hängt davon ab, was darunter liegt. Ist dies z.B. ein Tempel, sinkt das Gebäude darüber an den Seiten mehr als im Zentrum, z.B. die Kathedrale (70cm pro Jahr bis in 90er eine bautechnische Lösung diese Zerstörung aufgehalten hat, jetzt sinkt die Kathedrale gleichmäßig und nur noch sehr wenig). Dieses Phänomen kann man auch am Tempel selbst bewundern, weil die Freiflächen zur Seite hinabfallen.
Fortsetzung des Stadtspaziergangs
Auf diese historischen Einblicke folgten kulinarische in der Straße mit den „echten“ Taco- etc. Ständen. Am nächsten Platz erfuhren wir etwas über die Schreiber der Stadt, bei denen man selbst heute noch interessante Dokumente erwerben kann, z.B. Fälschungen von Abschlüssen. Wie gut, daß das Ministerium für Bildung gleich gegenüber liegt, denn wo sollte sonst das notwendige Siegel herkommen? An diesem Platz steht auch das Gebäude, das die Dominikaner im Auftrag der spanischen Krone für die Inquisition verwendet haben. Hier wurde nicht nur zu Gericht gesessen, sondern auch das Urteil ausgeführt. Danach erzählte Vlad in einer Straße mit speziellen Kleidern vom hiesigen Brauch, den 15. Geburtstag der Tochter zu feiern – es gibt für die Jungen kein Äquivalent. Gleich danach trafen wir auf das älteste Kino der Stadt, das heute dank der modernen Kinos in allen Stadtteilen zu einem Themenkino abgesunken ist (Thema: Erotik). Wieder ein wenig weiter standen wir vor dem alten Stadttheater und hörten etwas zu seiner wechselvollen Besitzergeschichte, während auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Innenhof des ehemaligen Spitals für geisteskranke Frauen auf einen Besuch von uns wartete (freischwebende, prunkvolle Glasüberdachung). Zwei Straßen weiter saßen wir vor einem alten Ministerium im Schatten und Vlad zeigt auf die gegenüberliegenden Häuser, die die Kulisse für den Anfang des James Bond Films „Spectre“ geboten hatten. Dabei erzählte er vieles über das Fest für die Toten, das aber bis zum Film nie in der Stadt mit einem Umzug gefeiert worden war. Doch da seitdem die Touristen dies quasi untrennbar mit Mexiko City verbinden, wurde es zur Tradition erhoben. Bei der nächsten Station ging es dann wieder um kulinarische Dinge – Pulque und Mezcal – , so daß ich mich etwas absetzte und verzweifelt nach einer Sitzmöglichkeit suchte. Aber Vlad war unermüdlich und führte uns noch beim alten Postamt vorbei, das beim letzten Erdbeben 2017 stark beschädigt war, inzwischen aber schon wieder sehr prunkvoll hergerichtet ist. Und wieder ging es um eine Ecke und erreichten das Museum der Schönen Künste, das er uns sehr empfahl. Hier beantwortete er sogar Fragen zum neuen Präsidenten und dessen Führungsstil, ohne seine architektonischen Ausführungen zum Museum zu vergessen. Zuletzt brachte er uns zum „Kachelpalais“, das einige Zeit lang den „Herrenclub“ der Stadt beherbergt hatte, und gab uns noch ein paar letzte Empfehlungen. Ich habe unglaublich viel in diesen knapp drei Stunden gelernt, super!
Danach ging ich mit einigen anderen aus der Tour (Niederländer, 2 Israelis, 1 Australierin) in die empfohlene Taqueria und aß etwas. Im Anschluss riefen mein Rücken und mein Kopf nach Ausruhen, weswegen ich mich auf den Rückweg zum Hostel machte. Tja, Ruhe… Immerhin konnte ich mich hinlegen und etwas rauschunterdrückte Musik konsumieren. Ich stand schließlich noch einmal auf und besorgte etwas aus der Paneria und Wasser für den nächsten Tag, an dem ich ganz früh (6.20 Uhr) los gehen wollte, um meine Tour zum Vulkan rechtzeitig zu erreichen. Ich wankte schon nur noch zurück zur Unterkunft und ahnte Böses, als ich die Ankündigung „Disko auf der Dachterrasse“ las. Aber vielleicht konnte ich ja jetzt (kurz nach 20 Uhr) schnell einschlafen und würde dann den Krach verschlafen? Traum und Realität, sage ich nur.